Gehörloser Christian Bölker steht im Olper Tor

Trainer Marek Lesniak nennt ihn Bolek

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WOLL Sauerland Gehörloser Christian Bölker steht im Olper Tor
Stolz trägt Christian Bölker den Trainingsanzug mit dem Bundesadler.

Der Traum vom Gewinn der Europameisterschaft im eigenen Land war geplatzt. Für Torhüter Christian Bölker und die Deutsche Gehörlosen-Nationalmannschaft war in Hannover im Viertelfinale gegen Russland Endstation. Die EM gewann das Fußballteam aus der Türkei.

Trotzdem konnte Christian Bölker mit dem Sportjahr 2015 bislang sehr zufrieden sein. Denn der 27-jährige Torwart aus Heggen feierte mit der SpVg Olpe den Aufstieg in die Westfalenliga. Ein Erfolg, an dem der Keeper mit dem Gardemaß von 1,95 Metern und 88 Kilogramm Körpergewicht einen großen Anteil hatte. Bis auf ein Spiel hütete der gehörlose Schlussmann immer das Olper Tor. Dabei stand der Start beim Traditionsverein aus der Kreisstadt für Christian Bölker unter keinem guten Stern. Als der Heggener im Sommer 2012 vom Daspel an den Kreuzberg wechselte, war die Spielvereinigung gerade aus der Westfalenliga abgestiegen. Hinter Christoph Sauermann war der Neuzugang nur die Nummer zwei zwischen den Pfosten.

Das sollte sich im zweiten Jahr ändern. Seitdem ist Christian unbestritten die Nummer eins und gehörte beim souveränen Landesligameister fast immer zur Startelf. Nur einmal hat er gefehlt. Da absolvierte der Torhüter, der in seinem Heimatverein SV Heggen bis auf die C-Jugend nie über die Kreisliga hinauskommen konnte, einen Lehrgang mit der Deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft.

Denn der Heggener ist kein normaler Torhüter. Christian Bölker ist seit seiner Geburt gehörlos. Seine Behinderung beschreibt Vater Peter Bölker als „an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit“.

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Christian Bölker mit der Deutschen Gehörlosen-Nationalmannschaft.

In den drei Jahren bei der SpVg Olpe hat der lange Keeper drei ganz unterschiedliche Trainer erlebt: Irfan Buz, der inzwischen sein fußballerisches Glück in der Türkei versucht. Ottmar Griffel, seit dem Sommer Cheftrainer beim Regionalliga-Absteiger SF Siegen. Und jetzt Marek Lesniak, den 51-jährigen ehemaligen polnischen Nationalspieler mit Bundesligaerfahrung bei Bayer 04 Leverkusen und SG Wattenscheid 09.
Der gelernte Stürmer Lesniak hat seinem Torwart auch sofort einen Spitznamen gegeben. „Ich nenne Christian Bolek. Jetzt muss ich nur noch einen Lolek suchen“, lacht Marek Lesniak beim Gespräch mit dem WOLL-Magazin. Lolek und Bolek sind zwei auch in Deutschland bekannte Figuren aus einer polnischen Zeichentrickserie.

In seiner langen Karriere als aktiver Fußballer und später als Trainer hat der Ex-Profi schon viel erlebt. Mit einem gehörlosen Spieler hat es Lesniak aber noch nie zu tun gehabt. „So einen Jungen habe ich noch nicht trainiert“, sagt der Olper Übungsleiter. „Aber in der Familie“, berichtet Lesniak, „war jemand gehörlos. Der musste auch so einen Apparat wie Christian tragen.“ Der Apparat: Das ist ein Cochlea-Implantat, das Christian Bölker nach mehreren Operationen trägt – eine Art Hörprothese.

Mit der Behinderung eines seiner wichtigsten Spieler hat der erfahrene Marek Lesniak „keine Probleme“. Dass sein künftiger Stammtorhüter in der Westfalenliga gehörlos ist, darauf wurde der Nachfolger von Ottmar Griffel natürlich vorbereitet. „Der Sportliche Leiter Björn Schneider hat mir das gesagt“, verrät Lesniak. „Wenn ich langsam und deutlich spreche, klappt die Verständigung. Der Junge kann von den Lippen lesen“, erzählt Marek Lesniak. Wenn der Trainer mit Bundesligaerfahrung von der Bank lautstark seine Anweisungen ins Feld ruft, scheint „Bolek“ das auch genau zu verstehen. Und falls es doch Schwierigkeiten geben sollte, helfen die Olper Mannschaftskollegen. Die meisten von ihnen spielen ja schon seit einigen Jahren mit Christian zusammen. In dieser Zeit haben sie gelernt, sich mithilfe von Gesten, Zeichen oder den Griff in die Gebärdensprache mit ihrem Keeper zu verständigen. Christian Bölker bekommt jedenfalls genau mit, was auf dem Platz los ist. „Ich schaue genau auf den Schiedsrichter“, verrät Christian Bölker sein kleines Geheimnis. Die Unparteiischen werden vor den Spielen darauf hingewiesen, dass der Olper Torwart gehörlos ist. Und lauter geworden ist der 27-Jährige in seinem Strafraum auch. „Früher stand Christian auf der Linie und war ruhig“, erinnert sich Vater Peter Bölker, der früher selbst beim SV Heggen zwischen den Pfosten stand.

„Man sagt ja, dass die anderen Sinne geschärft werden, wenn einer ausfällt“, weiß Peter Bölker, Förderer und ehemaliger Trainer seines ältesten Sohnes. Das kann Marek Lesniak bestätigen. „Christian muss bei uns nicht gut hören. Er muss sehr gut sehen. Hauptsache, er hält die Bälle.“ Und das hat der 27-Jährige in den letzten Jahren in Olpe getan. „Christian war bis jetzt die Nummer eins. Warum sollte ich alles auf den Kopf stellen? Er hat einen Bonus und ist auch meine Nummer eins“, hat sich der neue Olper Trainer in der Torhüterfrage vor Saisonbeginn festgelegt. Natürlich hat Lesniak mitbekommen, dass der Torwart mit Handicap beim Amtsantritt des neuen Trainers „etwas Bammel“ hatte. Aber das hat sich längst gelegt. Inzwischen stimmt die Chemie zwischen „Bolek“ und Marek Lesniak.

Wie der Vater arbeitet Christian Bölker bei Fischer & Kaufmann in Heggen: als Zerspanungsmechaniker. Fußballerisch trennen beide allerdings Welten. Während Papa Bölker Schalke-Fan ist, drückt Sohn Christian schon seit vielen Jahren der Dortmunder Borussia die Daumen. „Daran war das halbe Jahr auf der Grundschule in Dortmund schuld“, lacht Bölker senior.

von M. Droste [Text/Fotos] und DGS [Foto]

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