Steinzeitsportler in Attendorn und ein „Fest am Strand“ in Riccoine

40 Jahre Spiel ohne Grenzen

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WOLL Sauerland Spiel ohne Grenzen
Das Attendorner Team in Riccione (v.l.): untere Reihe Lucia Habbel, Heike Henning, Jutta Bettig, Birgitt Lux, mittlere Reihe Dagobert Schneider, Eberhard und Friedel Springob, Dieter Vollmerhaus, obere Reihe Mannschaftsleiter Jürgen Kempkens, Michael Droste, Ludwig Heuel, Josef Hössel, Bernd Niederhagen und Co-Trainerin Nanna Mohnes.

Auf dieses Schreiben hatten viele sportbegeisterte Attendorner mit Spannung gewartet. Am 18. April 1975 war es endlich so weit. „Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die Wahl auch auf Sie gefallen ist. Sie gehören also ab heute zur Wettkampfmannschaft für Spiel ohne Grenzen.“ Absender des Briefes war Jürgen Kempkens, der Vorsitzende des Sportverbandes der Stadt Attendorn und spätere Mannschaftsleiter.

Wer für die Stadt Attendorn vor 40 Jahren beim damaligen TV-Renner „Spiel ohne Grenzen“ an den Start gehen wollte, musste sich gegen starke Konkurrenz durchsetzen. Von 240 Bewerbern blieben am Ende 15 Teilnehmerinnen und Teil-nehmer übrig.

Die Mannschaft, die am 10. Mai 1975 unterhalb des Bigge-damms gegen das Team von Pulheim (Erftkeis) antreten sollte, bestand aber nur aus elf Männern. Der Jüngste im Attendorner Team war der 17 Jahre alte Schüler Michael Droste, der Senior mit 36 Jahren war Bademeister Josef Hössel. Die für Spiel ohne Grenzen qualifizierten Frauen durften erst später dabei sein: bei der internationalen Runde im italienischen Riccione.
Die Begeisterung für das kultige Geschicklichkeitsspiel – live übertragen vom WDR – war riesengroß. Die Tribünen am Fuß der Biggetalsperre reichten am 10. Mai nicht aus. So suchten sich viele der rund 7.500 Zuschauer einen Platz direkt am Biggedamm.

Der Städte-Wettkampf zwischen Attendorn und Pulheim stand unter dem Motto „In der Steinzeit“. Durch die Live-Sendung am Samstagnachmittag führte der smarte Erhard Keller, zweifacher Olympiasieger im Eisschnelllauf. Bei dieser Mischung aus Sport, Spiel und Spannung trugen die Spiele Namen wie Stein-transport, Stapeln, Nashorn, Dinosaurier oder Höhlenmalerei.

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Ausschnitt aus einer Programmzeitschrift mit der Ankündigung der Live-Übertragung aus Riccione. Oben rechts: Moderator Erhard Keller.

Der Auftakt stand für die Gastgeber unter keinem guten Stern. So verloren Ludwig Heuel, Josef Hössel und Hans-Georg Keine gleich das erste Spiel. Anschließend hatte Bernd Niederhagen beim Jokerspiel, für das es die doppelte Punktzahl gab, Glück im Unglück. Am Ende setzte sich Attendorn mit 15:9 durch.

Kuriosum am Rande: Verlierer Pulheim meldete sich später bei der zuständigen WDR-Redakteurin Marita Theile, monierte Regelverstöße der Gastgeber in vier Spielen und forderte eine Punktenachbesserung. Theile reagierte gelassen und teilte den Pulheimern per Brief mit: „Schiedsrichterentscheidungen können, wie beim Fußball, nicht nachträglich korrigiert werden.“

Zu diesem Zeitpunkt bereiteten sich Mannschaftsleiter Jürgen Kempkens und sein Team längst auf den Wettkampf in Riccione an der italienischen Adriaküste vor. Die internationale Runde des Sieben-Länder-Turniers am 17. Juni 1975 stand unter dem schönen Motto „Fest am Strand“.

Rund 150 Schlachtenbummler aus dem Sauerland waren nach Italien geflogen und erlebten einen fröhlichen Kurzurlaub. Und als es am Abend des 17. Juni ernst wurde, schwenkten über 3.000 deutsche Urlauber und Attendorner Fans Fahnen und hielten Transparente hoch. Für das in Riccione sympathisch auftretende Team aus der Hansestadt reichte es zwar nur zum vorletzten Platz. Trotzdem wurde das „Fest am Strand“ zu einem unvergesslichen Erlebnis.

„Einen Verlierer gibt es nicht“, so beschrieb der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Dr. Gerd Siepe, der zur Attendorner Delegation gehörte, die Stimmung und traf damit den Nagel auf den Kopf. Schon zwei Tage vor dem Wettkampf feierten die Sauerländer im „Münchner Bierlokal“ einen stimmungsvollen Attendorner Abend. Seitdem kennt man in Riccione den Karnevalsschlager „Immer lustig und in Form“.

Woher ich all diese Infos und Anekdoten habe? Sie stammen von den Zwillingen Eberhard und Friedel Springob, die vor 40 Jahren zum Attendorner Team gehörten. Die Brüder haben alles gesammelt, was mit Spiel ohne Grenzen zu tun hatte. „So schlitzohrig, wie wir beide sind, haben wir alles so schnell wie möglich kopiert“, präsentierte Eberhard Springob einen prall gefüllten Ordner mit vielen Zeitungsausschnitten, Fotos und amtlichen Schreiben.

Den vorletzten Platz in Riccione hat Eberhard, der mit Frau und Wohnwagen 25 Jahre später noch einmal am Adriastrand stand, längst abgehakt. „Bei der Generalprobe haben wir sie abgekocht, später haben sie uns abgehängt.“ Einen Teil ihrer Sammlung – darunter ein originaler Trainingsanzug – haben die Springobs der Stadt für die Ausstellung „40 Jahre Spiel ohne Grenzen“ ausgeliehen.

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