Als der Krieg ins Sauerland kam: 11. April 1945 – Der Kreis Olpe wird besetzt

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Amerikaner in Olpe am 10. April 1945. Foto: US-Army / Helmuth Euler, Die Entscheidungsschlacht an Rhein und Ruhr, 3. Aufl., Stuttgart 1981.

Nun ist es soweit. Die Amerikaner sind da. Vor 70 Jahren, vom 9. bis 12. April 1945, wurde der Kreis Olpe von den Alliierten besetzt. Das Schema glich sich allerorten. Die ungeheure Überlegenheit an Nachschub und Material war erdrückend. Keine deutschen Flugzeuge waren mehr in der Luft. Es gab keinen Überblick. Die abgehetzten Soldaten wussten nicht mehr, wohin sie sollten und was an Rückzugsmöglichkeiten überhaupt noch blieb. Kein Benzin für die letzten Fahrzeuge, keine Munition, kaum noch Verpflegung, keine medizinische Versorgung – und darüber die langsam kreisenden Aufklärer der Amerikaner, die jede Bewegung weiter gaben, um das gezielte Trommelfeuer der Artillerie darauf zu lenken.

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Auch das gab es im Ruhrkessel: Ein amerikanischer Sanitäter versorgt gemeinsam mit einer deutschen Krankenschwester einen verwundeten Landser. Foto: US-Army / Euler.

Schmallenberg war am 8. April erobert. Den 8. und 9. April wurde in Saalhausen von Haus um Haus gekämpft. Über Bracht und Oedingen ging der Vorstoss ins Frettertal, von Krombach und Freudenberg herauf war Olpe bereits am 10. April zur Frontstadt geworden. Zeitgleich kam es zu heftigen Artilleriegefechten im Raum Bonzel, Grevenbrück und Elspe.

Jenseits des Ruhrkessels waren die Westalliierten bereits bis nach Thüringen vorgestoßen. Mit Entsetzen fanden sie das KZ Buchenwald auf dem Ettersberg über Weimar.

Durch den Wald bei Tecklinghausen stießen die Amerikaner von Oberveischede her auf Attendorn zu. Auf der Höhe zwischen Hofkühl und Berlinghausen kam es noch zu erbitterten Gefechten. Als Attendorn erreicht wurde, wollte sich der fanatische Widerstand Einzelner formieren, was fast noch einmal zu einer weiteren Bombardierung der Hansestadt geführt hätte. Ein deutscher Soldat soll den Rädelsführer des letzten Aufgebots, einen Lehrer, erschossen haben, wie sich bis heute eine alte Attendornerin erinnert. Dann wurde die Stadt kampflos an die Amerikaner übergeben.

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Die Kantine des Steinbruchs über Rönkhausen, etwa auf Kilometer 4,5 der Lenscheider Straße / L687. Das Gebäude wurde vor einigen Jahren abgebrochen. Hier befand sich ein provisorisches Lazarett für die zurückweichenden Deutschen. Verwundete, die nicht überlebten, wurden reihenweise im Straßengraben beerdigt. Foto: US-Army / Euler.

Die letzten versprengten Verbände der Wehrmacht zogen sich zurück auf Plettenberg. Auf der Straße von Heggen nach Hülschotten standen dicht an dicht die zurückgelassenen Wracks der verlassenen Fahrzeuge. Einen Tag später ging ein großer Haufen oberhalb der Bremcke, zwischen Plettenberg und Herscheid, in die Gefangenschaft. Alle Männer im wehrfähigen Alter wurden hinter Zäunen eingepfercht, um später in das große Gefangenenlager auf den Rheinwiesen zwischen Andernach und Neuenahr abtransportiert zu werden.

Unbeschreibliches Elend spielte sich in den Lazaretten ab. Maria Braun (+) , wohl letzte lebende Krankenschwester jener Zeit aus Attendorn, erzählte einst, dass sie täglich mit dem Fahrrad zum Gut Nierhof in Listerscheid fahren musste, weil das Attendorner Krankenhaus von den Alliierten besetzt worden war. Dort, aber auch im Elsper Krankenhaus und andernorts, müssen sich furchtbare Dinge abgespielt haben. Die Zeitzeugin hat es nie geschafft, auch 60 Jahre danach nur einmal darüber zu sprechen. Bei den abgeschnittenen Uniformfetzen und vollen Zinkwannen an abgesägten Gliedmaßen stockte und endete ihr Bericht.

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Zu Tausenden gehen die erschöpften Soldaten in die Gefangenschaft. Es sollen harte Monate auf den Rheinwiesen bei Andernach folgen, auf freiem Feld hinter Stacheldraht. Foto: US-Army / Euler.

Sie haben es bereits bemerkt: Wir möchten hier nicht die Geschichten der Generäle erzählen, diese verbrämten Anekdoten von Leder, Kruppstahl und Windhunden. Daher endet diese Episode mit einer furchtbaren Begebenheit aus Altenhundem, geschehen am 12. April 1945, dokumentiert in Ernst und Käthe Henrichs Buch „Zeit der Frauen“, 1996 erschienen beim Verkehrs- und Verschönerungsvereins Kirchhundem. Dort heißt es:

„Der ganze Jammer und die Schrecken jener Tage sprechen uns in diesem Foto vom 12. April 1945 an. Hilflos und von tödlichen Schmerzen gezeichnet lässt sich der zwölfjährige Helmut Friedrichs aus Altenhundem von dem alten Jakobs aus Kickenbach stützen. Soeben hat ein russischer Fremdarbeiter vor der Güterabfertigung in Altenhundem mit dem Ruf ,Ihr deutschen Schweine` eine Handgranate in eine Gruppe von Jungen geworfen. Günter Friedrichs, zehn Jahre alt, stirbt am selben Tage an seinen Verletzungen, Helmut zwei Tage später. Sieben Granatsplitter hatten ihm den Bauch zerfetzt.“

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Der zwölfjährige Helmut Friedrichs aus Altenhundem, zwei Tage vor seinem Tod. Foto: Privat / E. und K. Henrichs, Zeit der Frauen, Kirchhundem 1996.

Mit dem Einmarsch der Sieger ging die Freilassung der zahlreichen Zwangsarbeiter einher. Nach Jahren der Gefangenschaft, oft unter Misshandlung, sollten einige von ihnen in den nächsten Monaten für die Zivilbevölkerung zu einer großen Bedrohung werden.

Die Amerikaner unterdessen beschlagnahmten in den besetzten Städten Gebäude nach Verwendung und verhängten eine massive Ausgangssperre. Groß war die Furcht vor dem „Werwolf“, vor fanatischen Gruppen im Untergrund, die Anschläge verüben sollten. In Aachen war der neu eingesetzte Bürgermeister direkt ermordet worden – das warf furchtsame Schatten auf die misstrauisch beäugte Situation.

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