Osterbräuche in Attendorn

Auch zahlreiche gebürtige Attendorner kommen Ostern in ihre Heimatstadt, um beim Ostersemmel segnen, Tanne schlagen, Feuer abbrennen dabei zu sein

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WOLL Sauerland Ostern

Ostern, ältestes christliches Fest, an dem die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird, ist in der Hansestadt Attendorn mit einem reichhaltigen Brauchtum verbunden.
„Erst kommt der Nikolaus, dann kommt der Weihnachtsmann und nach dem Weihnachtsmann kommt das neue Jahr. Aber dann, dann kommt die Osterzeit, das ist für uns die schönste Zeit im ganzen Jahr …“, so heißt es in einem Lied, das bei der Kölner Poorte besonders gerne gesungen wird. Auf den Jahreshauptversammlungen der vier Po(or)ten, die nach Aschermittwoch stattfinden, wird zunächst das Organisatorische festgelegt. Anschließend treffen sich die Poskebrüder, hier vereinen sich Jung und Alt, an den Samstagen vor Ostern, um Tannen- oder Dickholz zusammenzutragen. Mit zwei Drähten festgebunden ergibt dies eine fertige Bürde. An diesem Brauchtum hat sich auch in der heutigen schnelllebigen Zeit eigentlich nichts geändert.

Wenn dann an den Kartagen die Glocken schweigen, bläst Christoph Hilleke zwei lang anhaltende Töne aus einem Horn, das schon mehr als 300 Jahre alt ist. In früherer Zeit blies auf diesem alten Instrument der Nachwächter die nächtliche Stunde an. Die Bäcker haben dann Hochsaison. Schätzungsweise 12.000 Ostersemmeln backen die Bäcker in den Backstuben für den Verkauf. Sie sind mit Kümmel durchsetzt und haben an beiden Enden je einen Einschnitt, sodass die Form einer Fischflosse entsteht – ein Symbol der frühen Christen, das bereits in den Katakomben in Rom zu finden ist. Die eigenartige Form des Attendorner Ostersemmels konnte dennoch bislang nicht endgültig geklärt werden. Sie ist in ganz Deutschland und darüber hinaus einzigartig.

Ein in Form und Teigzusammensetzung mit dem Attendorner Semmel nahezu identisches Gebäck hat man im Nachbarland Österreich aufgetan. Es handelt sich um den sogenannten „Zwiemandl“, der in Lambach, Bezirk Wels, östlich von Salzburg gefunden wurde.

Die Verknüpfung wirft allerdings mehr Fragen als Antworten auf, da das Lambacher Gebäck in einem völlig anderen zeitlichen und vor allem inhaltlichen Brauchzusammenhang steht: Wenn ein kleines Kind abgestillt wurde, erhielt es ein Fläschchen mit einem Schraubverschluss aus Zinn, der mit einer Ausflussöffnung versehen war. In diese Öffnung kam ein mit Brotbröckchen gefülltes Tuch, durch welches das Kind die Milch gefiltert trinken konnte. Zu diesem Zweck wurden die „Zwiemandln“ gebacken, auf Vorrat gekauft und nach Bedarf, auch im altbackenen Zustand, in kleine Stücke gebrochen, um den Sauger für das Fläschchen zu füllen. Die Beigabe von Kümmel, manchmal auch Anis, sollte verdauungsfördernd wirken.

Der Attendorner Ostersemmel besteht zu 40 Prozent aus Roggen- und zu 60 Prozent aus Weizenmehl, Sauerteig, Salz und eingeweichtem Kümmel. Aus alter Überlieferung heißt es, dass der Kümmel zugesetzt wurde, da dieser nach der langen Fastenzeit den Magen beruhigt. Früher gaben die Bauern auch ihrem Vieh vom gesegneten Brot etwas ab. Es sollte vor Krankheiten und Katastrophen schützen.

Der älteste urkundliche Nachweis für das Semmelsegnen stammt aus dem Jahre 1658 und befindet sich im Rentenbuch von Pastor Johannes Zeppenfeld. Dieser verewigte, dass am Karsamstag in Attendorn die Brote gesegnet werden. Die Aufzeichnung befindet sich im Attendorner Pfarrarchiv. Vermutlich ist dieser Brauch weitaus älter. Die Segnung der Ostersemmeln findet jedes Jahr an der Nordseite des Sauerländer Doms um 14 Uhr statt. Diesmal wird sie von Dechant Andreas Neuser übernommen.

Nach dem Semmelsegnen geht es zum Stadtwald, der sich in Richtung Helden, am Abzweig Berlinghauser Weg befindet. Dort werden die Tannen für die vier großen Osterfeuer geschlagen. Motorsägen sind hierbei verpönt. Es wird noch, wie in alten Zeiten, mit Axt und Säge gearbeitet.

Vor den historischen Mauern des Südsauerlandmuseums am Alten Markt versammeln sich nach 17 Uhr die Poskebrüder des Osterfeuervereins mit ihren über 30 Meter langen Stämmen aus der städtischen Waldung. Seit 1921 stiftet die Stadt die Tanne aus ihrem Wald. In einer plattdeutschen Ansprache wird verkündet, wer den längsten und wer den dicksten Baum aus dem Wald geholt hat.

Am Ostersonntag versehen nach dem Mittagessen die Poskebrüder den Baumstamm jeweils mit einem Querbalken und umwickeln den Stamm mit Stroh. Dieses Kreuz wird in die Erde eingelassen und mit Drahtseilen festgehalten. Eine nicht leichte Arbeit, die viel Erfahrung voraussetzt. An den Stamm schichten die Poskebrüder, aber auch Kinder und Jugendliche, die an den Samstagen zuvor gesammelten Bürden. Gespannt wartet man um 21 Uhr auf das Lichterzeichen auf der Turmspitze der Pfarrkirche. Wenn dort das Licht am Turmkreuz aufleuchtet, dürfen die vier Osterfeuer angezündet werden. Scharenweise schwenken Kinder brennende Fackeln auf den sogenannten „Köppen“.

Während die Feuer noch brennen, setzen sich von vier Ausgangspunkten gleichzeitig Prozessionen in Bewegung, denen eine bleiverglaste Laterne, genannt „Lüchte“, vorangetragen wird. Die Gläubigen gehen singend mit den im Pastoralverbund tätigen, aber auch aus Attendorn gebürtigen Priestern durch die mit Lichtern geschmückte Straßen zur Pfarrkirche. Hier findet die Osterabendandacht statt. Einige Hundert Gläubige nehmen in der Regel an dieser beeindruckenden Feier teil und krönen somit das einmalige Osterbrauchtum in der alten Hansestadt. Der MGV „Cäcilia“ aus Attendorn singt zum guten Schluss vor dem Pastorat einige Frühlingslieder.

Text / Fotos: Meinolf Lüttecke

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