Schreibmaschinensammlung Drolshagen

Von Schreibmaschinen und "wie von Hand" schreibenden Maschinen

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WOLL Sauerland Schreibmaschine
Dr. Heinen mit seinem Liebling - einer Lambert-Maschine

Es ist ein trüber Vormittag, als ich mich auf den Weg zu Dr. Heinen in Drolshagen mache. Was mich bei ihm tatsächlich erwartet, weiß ich nicht – nur, dass er alte Schreibmaschinen sammelt. Und, wie er mir bei unserem kurzen Telefonat gesagt hat, mittlerweile auch Maschinen, die „wie von Hand“ schreiben. Was ich mir darunter vorstellen soll, kann ich mir nur schwer erklären.

Doch schon kurz hinter dem Eingang werde ich aufgeklärt: Hier hat er zwei seiner Schmuckstücke stehen, auf die er seit noch nicht gar so langer Zeit sein Augenmerk legt. Maschinen, die tatsächlich eine Handschrift nachahmen können. So gut, dass einige Exemplare sogar rechtsgültige Unterschriften leisten können, wie er mir erklärt. Dies habe, so Heinen weiter, auch im Fall des Vaters von Steffi Graf zu dessen Verurteilung wegen Betrugs geführt.

Und damit bin ich auch schon mitten im neuesten Thema des Maschinenbau-Ingenieurs. Dabei hatte alles ganz anders angefangen. In seinen jungen Jahren als Student an der RWTH Aachen sammelte er zunächst Trichtergrammophone. „Diese waren“, wie er sagt, „allerdings ziemlich unhandlich, zu groß für meine Studentenbude; aber auch faszinierend von der Technik her.“ Als er auf einem Düsseldorfer Schrottplatz stöberte, stieß er 1986 auf eine außergewöhnliche Schreibmaschine, die sein Interesse auf sich zog. Seine jahrzehntelange Leidenschaft für Schreibmaschinen und die Geschichte der Bürowelt war damit entfacht. Denn diese ist für ihn untrennbar mit den Maschinen verbunden.

Die Geschichte der Schreibmaschine ist eigentlich auch die Geschichte der Frauen im Beruf, weiß der langjährige technische Leiter der EMG Wendenerhütte zu erzählen. Immerhin wurden die ersten schreibenden Automaten schon Mitte des 17. Jahrhunderts erfunden. Bis die Schreibmaschine endlich etwa ab 1885 in den Büros zu finden war, war es allerdings noch ein langer Weg. Denn bis dato war das Büro, oder besser gesagt die Schreibstube, eine Welt, die ausschließlich den Männern, den „Sekretären“, vorbehalten war. Bei diesen stieß die Erfindung einer Maschine, die einen Text durch normierte Lettern gut lesbar und auch noch gleichzeitig mehrere Kopien möglich machte, auf wenig bis keine Gegenliebe. So war es den Frauen vorbehalten, den Siegeszug der Schreibmaschine in den Büros anzuführen.

Bereits 1876 wurden in New York Schreibmaschinen samt ausgebildetem „Schreiber“ im Paket von einem Schreibmaschinenhersteller den Kunden angeboten. Ein solches Angebot liegt ebenfalls im Original in der Sammlung vor. Da es sich dabei ausschließlich um Frauen handelte, war es nicht verwunderlich, dass diverse radikale Frauenvereinigungen darin auch ein besonderes Risiko der Prostitution sahen. Überliefert ist dabei die Aussage von Sarah Tinsdale vom Verein zum Schutz des Amerikanischen Heims aus dem Jahr 1896, dass „jedes Mädchen, das sich als Maschinen-schreiberin verdingt, moralisch aufs Äußerste gefährdet und auf dem besten Weg, der Prostitution anheim zu fallen, ist“.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Historie der Bürowelt führt mich der pensionierte Maschinen-bauingenieur in das Herz seiner Sammlung. Nur ungefähr 70 Maschinen nennt er sein eigen. Ihm gehe es nicht darum, möglichst viele gleichartige Maschinen zu besitzen, sondern die technische Entwicklung zu dokumentieren, erzählt er: „Ich möchte damit alte Techniken davor bewahren, vergessen zu werden. Deshalb zieht es mich auch immer wieder zu Randthemen auf diesem Gebiet.“

Und es ist in der Tat beeindruckend, die Entwicklung der Schreibmaschine in Form der unterschiedlichen Modelle chronologisch aufgereiht stehen zu sehen. Namen, die auch heute noch einen gewissen Bekanntheitsgrad haben wie „Adler“ oder „Remington“, fallen dabei ins Auge. Aber auch Modelle, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie tatsächlich einmal in Gebrauch gewesen sind. Dazu zählt auch Heinens Liebling, eine Maschine des Fabrikats „Lambert“, hergestellt Ende des 19. Jahrhunderts. Mich erinnert das historische Stück auf den ersten Blick eher an ein altes, schwarzes Bakelit-Telefon denn an eine Schreibmaschine.

An seinen Modellen erklärt er mir kenntnisreich die Unterschiede der damaligen Maschinen zu denen, wie sie uns noch bekannt sind. Und ich erfahre, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, den Buchstaben auf das Papier zu bringen, sprich, ob es sich um eine Typenhebel- oder Typenradschreibmaschine handelt oder um eine Zeigerschreibmaschine mit Typenzylinder.

Zahlreiche Sondermaschinen wie Blinden-, Steno- oder Musiknotenschreibmaschinen finden sich systematisch geordnet ebenso wie Kinder- oder Buchschreibmaschinen, nicht zu vergessen Telefonschreibmaschinen für Gehörlose.

Sein bewegtes Leben hat ihn auch nach Asien geführt, wo er sich besonders in China sehr wohl gefühlt hat. Japan durfte er durch seinen Beruf ebenso kennenlernen. So ist es nicht verwunderlich, dass ein besonderes Augenmerk auf den Schreibmaschinen für japanische und chinesische Schrift liegt. Mittlerweile gilt er als einer der führenden Experten für chinesische und japanische Schreibmaschinen. Bewundernd stehe ich vor einem dieser exotischen Modelle. Wie bei einem Setzkasten stehen dem Nutzer dabei mehr als 2.000 Schriftzeichen zur Verfügung, die für den jeweiligen Text verwendet werden können. Einen intensiven Austausch führt Dr. Heinen mit einem Professor der Stanford University, Kalifornien, der als einen Schwerpunkt asiatische Schreibmaschinen bearbeitet: Material der Drolshagener Sammlung findet sich inzwischen in den Vorlesungen in Kalifornien.

Und wie hält man sich nun als Fachmann zu dem Thema auf dem Laufenden? Wie ich erfahre, gibt es einen internationalen Verband, der sich dem Thema „Historische Bürowelt“ verschrieben hat. Im „Internationalen Forum historische Bürowelt“ kommen Vertreter aus elf Nationen zusammen, die sich über Schreibmaschinen und deren Kollegen wie beispielsweise Telegrafen oder Rechenmaschinen austauschen. Hier trifft man sich auch, um vielleicht von einem anderen Sammler ein Stück für die eigene Sammlung zu bekommen, das man gerne hätte. Auch verschiedene Museen haben sich auf das Thema spezialisiert und stehen immer wieder nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat zur Seite.

Und diese „Tat“ hat Dr. Heinen bei seinen eingangs erwähnten neuen Lieblingsobjekten auch schon benötigt. Begeistert führt er mir diverse Schriftproben vor, die allesamt mit einem „wie von Hand“ schreibenden Automaten erstellt worden sind. Hier ist kriminalistischer Spürsinn ge-fragt, denn mit dem bloßen Auge lässt sich nicht erkennen, ob die Schrift tatsächlich von Hand oder doch von einem Schreibautomaten stammt. Dazu steht Dr. Heinen bereits in Kontakt zu Museen, Universitäten, Druckfachleuten und einem forensischen Grafologen.

Text und Fotos: Christin Walter

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