Fußball auf Motorrädern

Die etwas andere Sportart – Das WOLL-Magazin zu Besuch beim Motoball-Bundesligisten MSF Tornado Kierspe

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Es ist richtig laut. In der Luft liegt ein Gemisch aus Benzin und Staub. Aber den Zuschauern und den Motorradfahrern im Motodrom von Kierspe ist es egal. An diesem Abend wird trainiert für die beiden Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft. Dafür haben sich die Motoballer des Vereins MSF Tornado Kierspe als Erste der Bundesliga Nord qualifiziert.
Die Erfolgsliste des 1959 gegründeten Vereins ist lang. Schon drei Mal waren die Motor Sport Freunde (MSF) Tornado Kierspe Deutscher Vize-Meister. Die Nachwuchsmannschaft hat immerhin zwei nationale Titel nach Kierspe geholt. Gleich fünf deutsche Jugendmeister stehen im aktuellen Bundesligateam, das von Daniel Sachs trainiert wird. Die beiden Torleute Oliver Potthoff und Heiko Laubner sind im letzten Jahr mit Deutschland sogar Europameister geworden.

Motoball. Was ist das eigentlich? „Motoball ist Fußball auf Motorrädern“, beschreibt Tornado-Vorsitzender Mark Lembcke diese schnelle Sportart. Eine Mannschaft besteht aus einem Torwart und acht motorisierten Feldspielern, von denen vier gleichzeitig auf dem Platz sind. Zum Team gehören auch zwei Mechaniker und der Mannschaftsleiter. Der 40 Zentimeter große Ball wird bei der rasanten Fahrt auf zwei Rädern mit dem Fuß gegen einen Spezialbügel geklemmt, der das Vorderrad schützt.

Der einzige Spieler, der nicht auf einem speziellen Motoball-Krad sitzt, ist der Torwart. „Man muss schon positiv verrückt sein, um sich ins Tor zu stellen“, weiß Sebastian Schmiedel aus eigener Erfahrung. Der Schriftführer des Vereins steht bei den Alten Herren zwischen den Pfosten. Der Torhüter hat beim Motoball zwar, wie beim Handball, einen schützenden Bereich vor sich, in den kein Motorrad eindringen darf. „Aber es ist schon ein komisches Gefühl, wenn die Motoballer mit ihren bis zu 80 km/h schnellen Spezialrädern und dem 1,2 Kilogramm schweren Ball am Fuß auf das Tor zurasen“, berichtet Sebastian Schmiedel. Dann braucht der Schlussmann starke Nerven – und eine spezielle Ausrüstung. Dazu gehören eine dick ausstaffierte Kleidung, Schienbeinschoner, Bandagen an den Händen und natürlich ein Helm auf dem Kopf. Blaue Flecken verhindert aber auch die beste Ausstattung nicht.

Auch die Motoballer auf ihren Zweitakt-Maschinen sind gerüstet. Zum Teil selbst gebaute Schoner sollen die empfindlichen Körperbereiche Knie, Schienbein und Ellenbogen vor Verletzungen schützen. Bei den Schuhen werden die Sportler erfinderisch. „Einige bauen dafür alte Skischuhe um“, verrät Mechaniker Henry Baumann in seiner bestens eingerichteten Werkstatt auf dem Sportgelände im Kiersper Gewerbegebiet Wildenkuhlen.

Dann muss sich Baumann um die Motorräder von Kevin Friedrich, Mario Kumpf und Moritz Cordt kümmern. Das Trio – Gesichter wie Maschinen unter einen dicken Staubschicht – steht mit dröhnenden Motoren vor der Werkstatt. Die Tanks brauchen frisches Superbenzin. Bei den Senioren sind spanische GasGas-Enduromaschinen im Einsatz, die praktischerweise von Bundestrainer Andreas Misik vertrieben werden. Der Nachwuchs fährt meistens mit Maschinen von Jonny Mallon. Der Meinerzhagener war jahrelang Sportleiter bei den Tornados.
Die Spezialmaschinen mit 250 ccm und etwas über 50 PS bei den Senioren sowie 80 ccm und bis zu 15 PS bei den Jugendlichen haben ihren Preis und kosten neu mindestens 7.500 bzw. 4.000 Euro. „Nach oben hin gibt es keine Grenzen“, sagt Vereinschef Mark Lembcke. Erst im vergangenen Jahr hat Tornado Kierspe seinen Fuhrpark erneuert. Lembcke: „Das geht nur mit Hilfe von Sponsoren.“

Was macht den besonderen Reiz der Sportart Motoball aus? „Das ist der Adrenalinkick mit der Mischung aus Fußball spielen und Motorrad fahren“, lacht Kevin Friedrich. Seine Brüder haben den Youngster zum Motodrom „hingeschleppt“. Danach hat es Kevin „vier Wochen“ beim Fußball versucht und ist beim Motoball geblieben. Seine sportlichen Ziele sind ehrgeizig. „Deutscher Meister werden und irgendwann für die Nationalmannschaft spielen.“ Dann jagt der junge Kiersper mit seinem frisch aufgetankten Motorrad wieder zurück aufs Trainingsgelände.

Woll Sauerland Motoball
Bei der rasanten Fahrt auf den Motorrädern wird der Ball mit dem Fuß gegen einen Spezialbügel geklemmt.

Kierspe im Märkischen Kreis ist eine Motoball-Hochburg. In der Kommune zwischen Meinerzhagen und Lüdenscheid gibt es gleich zwei Bundesligavereine. Neben MSF Tornado spielt auch MBC Kierspe in der Liga Nord. Beide Klubs teilen sich das Sportgelände im Gewerbegebiet Wildenkuhlen, haben aber eigene Vereinsheime.
„Heute haben wir eine gesunde Rivalität. Früher war das Verhältnis extremer“, beschreibt Tornado-Vorsitzender Mark Lembcke die Beziehungen. „Das ist wie Schalke und Dortmund“, sagt Lembcke. Denken beide Lager nicht ab und zu an eine gemeinsame Zukunft? Hier kommt vom Vereinschef der Tornados ein klares Nein. „Es gibt keine Fusionsgespräche und es wird bei zwei Vereinen in Kierspe bleiben.“ Punkt, Ende, Aus!

Mit durchschnittlich 300 Zuschauern bei Meisterschaftsspielen haben die Tornados immer noch deutlich mehr Zuspruch als die benachbarten Fußballer des Kiersper SC im Felderhof. Unerreichbar sind die über 3.000 Motoball-Fans, die 1962 auf dem Sportplatz in Hunswinkel die 2:3-Niederlage im Finale der Deutschen Meisterschaft gegen den MSC Weiher erlebten. Knapp 2.000 Zuschauer verfolgten am Kiersper Haunerbusch beim 20-jährigen Vereinsjubiläum das Gastspiel der Nationalmannschaft der damaligen UdSSR.
Auch im Kreis Olpe waren die Tornados aus Kierspe mindestens zwei Mal im Einsatz: 1967 spielten sie in Grevenbrück gegen ein französisches Team. 1980 kam es auf dem alten Sportplatz in Helden zu einem Werbespiel gegen eine Kölner Mannschaft. Seitdem dröhnen im Sauerland aber nur noch in Kierspe die Motoren der Motoball-Spezialräder.

Ein Motoball-Spiel dauert 4 x 20 Minuten und wird jeweils durch eine zehnminütige Pause unterbrochen. Die Motoball-Bundesliga ist zweigeteilt. In der Liga Nord spielen sieben Mannschaften, darunter die beiden Kiersper Vereine MBC und MSF Tornado. Dabei hat es die Anreise zum MSC Jarmen es in sich: Bis hinauf zur Mecklenburgischen Seenplatte sind es immerhin 700 Kilometer. Zur Liga Süd gehören acht Teams. Die besten vier Mannschaften jeder Liga qualifizieren sich für die Playoffs und spielen dann den Deutschen Meister aus.

Zur Süd-Gruppe gehören auch die Niederländer vom MBV Budel. Der Verein aus dem Nachbarland, das über keine eigene Motoball-Liga verfügt, war auch der Gegner der Tornados im Viertelfinale. Hier setzten sich die Sachs-Schützlinge souverän in beiden Begegnungen mit 10:5 und 4:0 durch.

Das Wunder im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft ist ausgeblieben. Im Rückspiel gegen den MSC Taifun Mörsch aus Baden konnten die MSF Tornado Kierspe vor 600 Zuschauern auf eigenem Platz den Fünf-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel nicht wettmachen und verloren auch die zweite Partie deutlich mit 2:6.

Text und Fotos: Martin Droste

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