Heinz Pursian aus Attendorn erlebte vor 70 Jahren die Flucht aus Schlesien

Ein Schmalzbrot ist das Himmelreich

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WOLL Sauerland Heinz Pursian
Heinz Pursian nach überstandener Flucht in der neuen Heimat Varste bei Kirchhundem.

Hunderttausende Flüchtlingsschicksale bewegen am Rande in unseren Nachrichten. Ob karge Wüstencamps, überfüllt mit verzweifelten Syrern, oder brüchige Nussschalen im Mittelmeer vor Lampedusa, die mit Mann und Maus absaufen – wirklich viel kommt davon nicht bei uns an.

Es gibt aber auch Sauerländer, die so ein Flüchtlingsschicksal ganz anders vor Augen haben. Sie haben nämlich ihr eigenes, nur dass dieses mittlerweile fast 70 Jahre her ist. Heinz Pursian aus Attendorn hat als Kind den großen, mörderischen Treck erlebt, als sich Anfang 1945 die Deutsche Zivilbevölkerung aus Ostpreußen und Schlesien vor der anrückenden Roten Armee nach Westen auf den Weg machen musste.

Der Zweite Weltkrieg war endgültig verloren. Westlich von Aachen scheiterte in den Ardennen Hitlers letzte Offensive gegen die Amerikaner, im Osten brach die Front zusammen, als mit der russischen Großoffensive ab dem 12. Januar die Rote Armee mit einem Kräfteverhältnis von rund zehn zu eins den Sturm auf Ostpreußen und Schlesien begann. Breslau, die Metropole des deutschen Ostens, wurde zur Festung erklärt, ein Irrsinn, der noch unzählige Opfer fordern sollte. 15 Kilometer östlich dieser Hauptstadt Schlesiens lag das kleine Örtchen Raake im Kreis Oels, die Heimat der Familie von Heinz Pursian. Am 20. Januar 1945 mussten die Bewohner alles, was sie unterbringen konnten, auf Fuhrwerke verpacken, dann begann die Flucht nach Westen, denn das Dorf lag genau im Aufmarschgebiet der unaufhaltsam heranstürmenden Russen. Heinz Pursian, damals zehn Jahre alt, erinnert sich an ein vermeintlich großes Abenteuer, denn die Schule fiel aus – das was doch mal großartig, außerplanmäßig –, aber die furchtbare Ernüchterung sollte schon bald folgen. Der Vater war noch zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, eingezogen worden, nun machte sich das ganze Dorf auf den Weg, im Bogen um das überfüllte Breslau herum und immer Richtung Westen. Die ganzen Geschehnisse dieses 15-monatigen Wahnsinns hat damals Heinz Pursians Tante Friedel, Elfriede Albinsky, aufgeschrieben.

Bald schon starben die ersten Senioren; zu groß war die Anstrengung. In Böhmen, dem heutigen Tschechien, geriet der Treck ins Gebirge, und die vollkommen überladenen Karren aus dem Flachland hatten keine Bremsen. Dann die Angst vor den Russen und schließlich auch vor den Tschechen, die nach den Jahren der Besetzung nicht gut auf die Deutschen zu sprechen waren. Außerdem fuhr der Treck schon bald nur noch nachts, weil die Tiefflieger sich inzwischen auf alles stürzten, was sich bewegte. Mitte Mai dann ein erstes Aufatmen, denn endlich hatte man nach vielem Hin und Her den Besatzungsbereich der Amerikaner erreicht! Die Freude währte kurz, das Schlimmste folgte erst noch: Die US-Army schickte den Treck zurück in die Tschechei, direkt in die Hände der anrückenden Russen. Auf einer Wiese im Nirgendwo beschlagnahmte die Rote Armee alle Wagen und die Zugtiere, dann reißt der Bericht von Tante Friedel für einige Zeit ab.

„Es war sehr schlimm mit den Russen der kämpfenden Truppe“, wie sich Heinz Pursian heute noch an diesen Albtraum erinnert. Er hat noch immer das Bild von der tief gebeugten Gestalt der Großmutter vor Augen, die, als es dann irgendwann weiter ging, bis zum Zusammenbrechen bepackt, unablässig leise betend, einen schweren Fuß vor den anderen setzte.

Endlich wieder in Österreich wurde für einige Zeit ein stehender Güterwaggon bezogen. Schließlich landete die Familie auf einem Gutshof, zu zwölf Personen auf Stroh in einem kargen Raum, fast für ein ganzes Jahr. Heinz Pursian lernte den bitteren Hunger kennen. Gemeinsam mit seinem Bruder musste er für ein Stück altes Brot von Tür zu Tür ziehen. „Oft wurden wir verscheucht, aber manchmal gab es auch eine Stulle mit Schmalz. Die brachten wir wie eine Trophäe nach Hause!“ Damals hat er sich geschworen, niemals wieder betteln zu gehen.

Im Mai 1946 dann ging es weiter! Über Salzburg und Pieding, nun in Deutschland, nach München. Zwischendurch unter Gelächter der Besatzer eine entwürdigende Entlausungsaktion, aber es ging weiter, endlich! Der Zug ratterte durch die Nacht gen Norden, über Mannheim und Frankfurt; bei Hanau mussten schließlich alle raus, denn die Russen fuhren den Zug zurück nach Österreich. Weiter ging es in der Nacht bis Bebra und Kassel, ab Warburg schließlich mit dem Lkw bis ins Sauerland. In Brachthausen wurde die Familie in der Schützenhalle einquartiert, dann wurde das Quartier nach Silberg verlegt, wo sie auf einem Bauernhof nicht gerade begeistert empfangen wurde. Im September 1946 jedoch wurde der Vater aus der Gefangenschaft entlassen und bald folgte ein Umzug nach Varste. Endlich hatte man so etwas wie eine neue Heimat gefunden.
Heinz Pursian absolvierte später eine Ausbildung und arbeitete bei Hilchenbach in einem Hammerwerk. 1958 machte er sich mit ein paar Kollegen im Goggomobil mit 13 PS auf den Weg zum Karneval nach Attendorn. Als sie endlich ankamen, war der Zug schon weg. Und doch lernte er bald seine spätere Frau Christel dort kennen. Sein Schwiegervater nahm ihn schließlich mit auf die Walze am Wassertor in Attendorn.

20 Millionen Flüchtlinge waren ab 1945 unterwegs nach Westen. Viele wurden auch im Kreis Olpe einquartiert. Dazu wurden oft die ehemaligen Barackenlager für die Zwangsarbeiter des Krieges verwendet. Fast 70 Jahre ist das nun her, aber man sollte nicht vergessen, was es bedeutet, ein Flüchtling sein zu müssen. Heinz Pursian bewegen diese Erinnerungen bis heute. Er sieht die Schicksale der Gegenwart mit ganz anderen Augen. Seine Tante Friedel, die das ganze Drama einst dokumentierte, starb 1971 in Varste bei Kirchhundem.

Text: Achim Gandras  //  Fotos: Achim Gandras, Heinz Pursian

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