Die Archäologen von Südwestfalen sitzen in Olpe

Erbe als Auftrag

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WOLL Sauerland LWL Archäologie
Andreas Müller, Grafiker und Künstler: Die Zeichnungen zeigen, wie das Artefakt entstanden ist und was seine wesentlichen Charakteristika sind.

Heinrich Schliemann und Howard Carter, Lara Croft und Indiana Jones. Versunkene Städte, Pyramiden und Grabkammern im heißen Wüstensand und zu allem Überfluss Hollywood prägen im Allgemeinen das Bild von der Archäologie. Dass die Archäologen für Südwestfalen in der Wüste sitzen, ist nur ein Zufall.

Seit 1982 ist „In der Wüste 4“ die Adresse der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen, im Gebäude der ehemaligen Höheren Stadtschule. Bis 2007 nannte sie sich Außenstelle des Westfälischen Museums für Archäologie. Ein Museum war sie aber nie. Sie ist ein unabhängiges gutachterliches Fachamt, das als Träger öffentlicher Belange zuständig ist für die archäologische Denkmalpflege und alles erforscht, untersucht, dokumentiert und bewahrt, was im Boden versteckt ist, und dem kulturellen Erbe zu seinem Recht verhilft. Tatsächlich befinden sich unterhalb der Grasnarbe die wertvollsten Archive unserer älteren Geschichte. Diese Bodendenkmäler und Funde erzählen als oft einzige Quelle von frühen Siedlungen, Befestigungsanlagen, Handelsplätzen und Kultorten, kurzum, sie bringen die Lebensweise unserer Vorfahren, die Wurzel unserer Zivilisation, ans Tageslicht.

Mit der Neufassung des Denkmalschutzgesetzes NRW von 1980 – bis dahin galt im Wesentlichen noch das Preußische Ausgrabungsgesetz von 1914 – wurde festlegt, dass in jedem Regierungsbezirk eine archäologische Außenstelle sein soll. Die Aufgabe teilen sich die zwei kommunalen Verbände – Landschaftsverband Rheinland und Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) – für ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich. Lediglich die Stadt Köln kümmert sich selbst um ihr Gebiet. Für den Regierungsbezirk Arnsberg wurde die Außenstelle 1982 in Olpe eingerichtet. „Der LWL hatte hier im südlichen Bereich keinerlei Kultureinrichtungen. Zusammen mit gewissen regionalpolitischen Interessen entschied man sich für diesen Standort“, weiß Prof. Dr. Michael Baales, Leiter der Olper Außenstelle und Fachmann für die Altsteinzeit.

Archäologisch reich ist das Land NRW allemal. Man denke nur an das Neandertal oder die vielen römischen Stätten und mittelalterlichen Siedlungen. Auch in unserer Region. „Interessant und abwechslungsreich“, so Baales; und er erzählt von den seit alters her dicht besiedelten fruchtbaren Bördelandschaften im Norden, von den Höhlen im Hönnetal und dem Bergbau im Siegerland. Direkt vor unserer Haustür fand in Olpe im Jahr 2004 eine große Grabung statt. Als man die „Neue Mitte“ baute, machte man sich auf die Suche nach der mittelalterlichen Unteren Mühle und konnte sie komplett freilegen. „Wir greifen dann ein, wenn durch Neubauten historische Substanz zerstört wird. Und das war der Fall“, so Baales. Dabei stellte man auch den bis heute ältesten Fund in der Kreisstadt fest: die Randscherbe eines karolingischen Topfes aus dem 9. Jahrhundert.

Einmaliges hat man kürzlich im Raum Kreuztal entdeckt: ein seltenes Stück Bergbaugeschichte, die sich bis in das 13. Jahrhundert datieren lässt. „Für die Montanarchäologen in Deutschland sehr bedeutend. Diese Art des Abbaus weist nur im Erzgebirge Parallelen auf“, erklärt Michael Baales. Jüngst hat man den Königshof in Elspe, der um 1000 n. Chr. urkundlich erwähnt ist, mit archäologischen Funden nachweisen können. Gute Partner in Sachen archäologischer Denkmalpflege sind auch Sammler. Im Siegerland hat ein solcher eine ganze Siedlungslandschaft aufgetan, in dem er dutzendweise steinzeitliche Artefakte gefunden hat, die bis zu 11.000 Jahre alt sind und bis vor 40 Jahren völlig unbekannt waren.

Die Olper Grabung ist übrigens digitalisiert und magaziniert, muss aber noch aufgearbeitet werden. Alleine die Ressourcen fehlen. Ein Dutzend Leute arbeitet in und für die Außenstelle in Olpe. „Nicht gerade viel für die rund 80 Kommunen des Regierungsbezirkes“, meint Baales. „Wir müssen uns eben auf gewisse Dinge beschränken und mit unserem geringen Personal zurechtkommen.“

Vor einem Jahr wurde im Denkmalschutzgesetz das Verursacherprinzip verankert. Damit ist der Verursacher von Bautätigkeiten verpflichtet, für archäologische Arbeiten aufzukommen. Aber Prinzip hin oder her: Zu wenig Geld, zu wenig Personal und mangelndes Interesse in den politischen Entscheidungsgremien machen es schwer, die Archäologie in der ihr gebotenen Tiefe zu betreiben. „Sie ist die einzige Wissenschaft, die es möglich macht, das, was im Boden verborgen ist, sichtbar zu machen und für die Welt nachhaltig zu bewahren. Wenn wir das nicht tun, geht das alles über den Jordan. Man kann dann gerne nach Ägypten fahren und sagen, wie schön die Pyramiden sind, oder sich darüber aufregen, dass in Köln ein Archiv einstürzt. Ein solches Archiv stürzt in der Archäologie jedes Jahr zusammen“, so Prof. Dr. Michael Baales.

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