Der Mann, der den Westen einzäunte

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Die erstaunliche Geschichte des Drahtziehers Wilhelm Emde aus Kleinlandemert

William Edenborn
„The man who fenced the west“ war ein Buch von Glen Coleman, 1984 erschienen in St. Louis, das alte Grafiken zu William Edenborn enthält.

Es ist eine der erstaunlichsten Industriellen-Geschichten unserer Region, die Karriere des Wilhelm Emde aus Kleinlandemert in Plettenberg. 1848 geboren ging der früh verwaiste Drahtzieher als 18-Jähriger nach Amerika, um dort zu einem der reichsten Unternehmer in den Südstaaten der USA zu werden.

Mehr als fünf Millionen Deutsche waren im 19. Jahrhundert ausgewandert, um ihrem Elend in der frühen Industrialisierung zu entkommen. Fast 90 Prozent wählten dabei die Vereinigten Staaten, und auch viele Sauerländer waren darunter. Der Historiker Jürgen Beine hat das Schicksal Wilhelm Emdes vor 20 Jahren im zweiten Band der „Plettenberger Stadtgeschichte“ nachgezeichnet.

Nach der Ankunft in New York schlug sich Emde durch nach Pittsburgh in Pennsylvania, später nach Cincinnati/Ohio und schließlich nach St. Louis in Missouri, dem damaligen Tor zum „Wilden Westen“. Inzwischen nannte er sich William Edenborn; wie andere Immigranten auch hatte er seinen Namen so geändert, dass er ihn nicht ständig buchstabieren musste. Als Drahtzieher arbeitete er hart, sparte sehr stattliche 1.000 Dollar an, bildete sich fort und gründete, frisch verheiratet und mit Unterstützung eines Freundes, die erste kleine Drahtfabrik.

Sein westfälischer Erfindungsreichtum ließ ihn eine Maschine entwickeln, mit der er im Rekordtempo Stacheldraht produzieren konnte. Was bisher von Hand gezwirbelt werden musste, ging nun bald auf großen Rollen in die ganze Welt. Auch bei den Vieh- und Pflanzenzüchtern in den schier unendlichen Weiten des soeben besiedelten Mittleren Westens fand Edenborns „Barbed wire“ reißenden Absatz, denn die simplifizierte Produktion ließ den Kilopreis für den Draht von 34 auf 6 Cent fallen. Dazu entwickelte Edenborn auch gleich noch die passende Maschine für die Befestigungsnägel und auch hier sank der Preis auf ein Drittel.

„The man who fenced the west“, der Mann, der den Westen einzäunte, so sollte Edenborn bald genannt werden. Im Heimatland des rücksichtslosen Kapitalismus wurde die hochprofitable Firma, inzwischen längst Aktiengesellschaft, schließlich von einem mächtigen Stahlkonzern aufgekauft. Edenborn fand sich steinreich auf einem Posten im Aufsichtsrat wieder und fühlte sich regelrecht abgeschoben.

Die Eisenbahn war immer ein großer Kunde gewesen, mit Schienensträngen, die man mit Stacheldraht von Tieren frei gehalten hatte. Davon verstand er etwas, gute Kontakte hatte er wohl und reich genug war er auch: So gründete er die „Louisiana Railway and Navigation Company“, eine Eisenbahn- und Schifffahrtsgesellschaft. Die Linie, die er daraufhin baute, verband bald New Orleans am Golf von Mexiko mit Shreveport an der texanischen Grenze, etwa 500 Kilometer entfernt. Wie an allen Bahnlinien siedelten sich auch hier bald unzählige Unternehmen an.

Edenborn line
Wenn man genau hinsieht, lassen sich einige Ortsnamen aus dem Sauerland an der Bahnlinie von New Orleans nach Shreveport entdecken.

Bei Baton Rouge entstand die riesige Raffinerie der Standard Oil Company, dem Haupterwerbszweig der fabulös reichen Rockefellers. William Edenborn hat damals seiner fernen Heimat ein Denkmal gesetzt und viele Stationen nach bei uns wohlbekannten Orten benannt. So finden sich in Louisiana nun Plettenberg und Altena, Hagen, Siegen und Werdohl. Aber auch Nettie, benannt nach seiner tragisch verunglückten Tochter Antoinette.

1924, in den schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation, gewährte der amerikanische Multimillionär seiner Heimatstadt Plettenberg ein Darlehen über 25.000 Dollar, was im Deutschland der „Rentenmark“ ein ordentlicher Batzen war. Zuvor schon hatte er mehrfach große Summen für die Unterstützung der Armen im Sauerland gestiftet. Seit 1920 Ehrenbürger von Plettenberg starb William Edenborn 1926 in Caddo Parish, Louisiana, USA.

Noch heute gibt es die „Plettenberg Road“ am Missisippi:

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