Künstlerin Marlies Backhaus

Fotografie oder Malerei?

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WOLL Sauerland Marlies Backhaus
Stillleben. Müll. Imageprint von Foto und Acrylmalerei auf Leinwand

Mit dem Willen, etwas Besonders zu schaffen, findet man auch Wege“, sagt Marlies Backhaus. Und sie findet Hunderte von Wegen. Die Ergebnisse sind erstaunlich, mutig und philosophisch. Marlies Backhaus macht mit ihrer Kunst auf etwas aufmerksam. Ohne erhobenen Zeigefinger, sondern oft – wie beim guten Wein – im Abgang. Man muss schon genau hinsehen, genau hineinschmecken, um die Aussage zu erkennen.

Der Schaffensdrang von Marlies Backhaus ist ungeheuer groß. Es gibt kaum ein Projekt, das sie nicht reizt. Das können Themen wie der „röhrende Hirsch“, das „Gelbe vom Ei“ oder „sieben Todsünden“ sein oder so unterschiedliche Ausstellungsorte wie eine Kartonagenfabrik, ein Wasserwerk oder ein Straßenbahndepot. Marlies Backhaus hat zu allem eine Idee. Ach was, nicht nur eine, immer ganz viele. Sie werde bald verrückt, weil sie so viele Ideen habe, sagt sie. Ein Blick in ihr Haus in Attendorn zeigt, was sie meint. Es ist eine Galerie mit ihren Arbeiten: mit ganz vielen Bildern, mit Stelen, mit kleinen Installationen und bunt bemalten Möbeln.

Vieles von dem, was Marlies Backhaus in ihrem Haus sammelt, ist in Vorbereitung auf den Schulunterricht entstanden. Denn in ihrem ersten Leben war sie 36 Jahre lang Kunsterzieherin am St.-Ursula-Gymnasium. Die Lust auf ihr zweites Leben als Künstlerin hatte sich schon während des Schuldienstes angestaut. Davon zeugen die vielen Arbeiten, Ausstellungen und Aktivitäten, die sie seitdem entwickelt hat. Das Leben als Lehrerin prägt auch ihr künstlerisches Schaffen. Wenn sie sich an Kunstprojekten beteiligt, fällt ihr nicht nur ein Motiv ein, sondern sie könnte immer 30 Bilder zu einem Thema machen. Das sei „der Klassensatz“, erklärt sie. Wenn sie früher ihren Schülern ein Thema vorgab, hat sie sich auch immer für jeden einzelnen einen anderen Ansatz überlegt.

Die Künstlerin ist nicht nur überaus produktiv, sie engagiert sich auch als Funktionärin für die Kunst. So ist sie seit 2005 Bezirksvertreterin für Südwestfalen im Vorstand des Bundesverbandes Bildender Künstler Westfalen, seit 2009 Vorsitzende im Künstlerbund Südsauerland. Als ihr der Olper Landrat Beckehoff 2008 den Kulturpreis des Kreises Olpe überreichte, bezeichnete er sie als „wunderbares Kunstkraftwerk“, womit er auch auf den Erfolg des von ihr 1994 gegründeten Kinderateliers des Kunstvereins Südsauerland anspielte.
WOLL Sauerland Marlies Backhaus
Es ist nicht möglich, den Arbeiten von Marlies Backhaus einen bestimmten Stempel aufzudrücken. Und das will sie auch gar nicht, denn sie sagt: „Es langweilt mich zu Tode, wenn ich immer das Gleiche mache.“

Die mittlerweile 70-Jährige hat immer wieder Lust am Neuen, am Experimentieren, probiert alles aus, ringt um ihre eigene Handschrift. Angefangen hat sie mit Malerei in unterschiedlichsten Techniken. Dazu kamen Objektgestaltung, Collage, Radierung, diverse Siebdrucktechniken und immer wieder digitale Fotografie. „Ohne Fotografie geht nichts mehr“, sagt sie, „aber für mich geht es auch nicht ohne Malerei.“ Also kombiniert sie die Verfahren und führt Fotografien über verschiedene Techniken in Zeichnung und Malerei zurück. Sie verwirrt uns Betrachter gern und spielt mit unserer Wahrnehmung, indem sie Realität verfremdet und zur Bildrealität werden lässt. Die Malerei wirkt wie Fotografie, die Fotografie wie Malerei.

Motive für ihre Kunst findet sie oft zufällig. Dann macht es klick in ihrem Kopf und klick im Auslöser ihrer Kamera. Immer wieder. Sie entnimmt der Umwelt Strukturen und setzt selbst Strukturen. Mit ihren wachen Augen sieht sie Dinge, an denen wir achtlos vorübergehen, und ästhetisiert das Banale: von der Wellpappe über den Toilettenrahmen bis hin zum Müll, dem sie sogar eine Stillleben-Serie widmet. Seit Jahren schon schnüffelt sie in Müllkörben und findet auch dort gute Motive, denen sie in der künstlerischen Umsetzung einen goldenen Rahmen verpasst. Aber keinen echten. Das wäre zu einfach und zu banal. Bei Marlies Backhaus sind die Rahmen abfotografiert und gedruckt. Damit bezieht die Künstlerin ironisch Stellung zum bombastischen Verständnis von Kunst.

Die Themen, die Marlies Backhaus aufgreift, sind solche, die uns Menschen bewegen. Ganz oft sind es Arbeiten zum Thema Kindheit. So hat sie unterschiedliche Kinder-Mimiken in kleine Kopfsteine eingefroren oder Kinderköpfe aus Ton geformt, die in einem Strohnest liegen. Der Betrachter denkt sofort an „Nesthocker“. Auch Kinder aus fernen Ländern und Kulturen faszinieren die Künstlerin. Sie hat in den letzten Jahren häufig südamerikanische Länder bereist. In Mexiko fotografierte Kinder hat sie digital auf Schaufensterpuppen montiert. Damit stellt sie das widersprüchliche Nebeneinander von vermeintlichem Fortschritt und traditioneller Lebensweise dar.
„Wenn ich an Mexiko denke, denke ich an Farben“, sagt sie und fotografiert alles, was bunt ist: Märkte, Menschen, Muster. Die Fotos hat sie dann verfremdet, übermalt und mit Wachs konserviert. Die Farben sind wie die Erinnerungen verblasst. Marlies Backhaus hat eben nicht nur 1.000 Ideen für Bilder, sondern auch genauso viele, um sie künstlerisch umzusetzen.

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