Eine Kirche wird 100

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Sonntag, 31. August 2014 – 10 Uhr: Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum

Erlöserkirche außen heute Attendorn
Das „Geburtstagskind“ heute

Der schönste Schmuck einer Kirche ist eine gern und willig kommende Gemeinde. Möge dieser Schmuck, der das alte Kirchlein auszeichnete, auch dem neuen Gotteshause erhalten bleiben.“ Mit diesen Worten schloss Konsistorialrat Pfarrer Karl Schulte-Kersmecke die Einweihung der neuen Erlöserkirche am 28. Juli 1914, ein Jahr nach der Grundsteinlegung am 3. August 1913.

Dass dieses Ereignis nicht nur für die junge evangelische Kirchengemeinde in Attendorn ein großes Ereignis war, zeigte das sich anschließende Gemeindefest, für das sich 400 Personen angemeldet hatten; für 600 Personen hatte man vorgesorgt und 700 Teilnehmer waren schließlich zum Fest gekommen, wie das Attendorner Volksblatt am 30. Juli 1914 stolz berichtete.

Die Einweihung der Erlöserkirche fand starkes Echo in der Attendorner Öffentlichkeit. Die Wogen des Zorns der katholischen Bevölkerung über die „Lutherschen“ hatten sich inzwischen soweit gelegt, dass als Ehrengäste nicht nur die Vertreter der evangelischen Kreissynode, des Gustav-Adolf-Vereins und der Regierung erschienen waren, sondern auch die der Stadt und sogar der katholische Pfarrverweser Rektor Lex. Aber es war kein unbeschwertes Fest mehr. Die drohende Mobilmachung überschattete alles. Der erste reguläre Gottesdienst in der Erlöserkirche am Sonntag, den 2. August 1914, verabschiedete mit einem Abendmahlsgottesdienst die ersten Truppen an die Front. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen.

Erlöserkirche Innenansicht 1914
Erlöserkirche Innenansicht 1914

Laut Bauantrag vom 25. Januar 1913 hat die Kirche eine Grundfläche von 335,61 Qudratmeter und der Turm eine von 32,45 Qudratmeter. Die Kirche umfasse nach Fertigstellung einen umbauten Raum von 3.418,23 Kubikmeter, während es beim Turm 717,20 Kubikmeter seien, so Architekt August Mucke in seiner Baubeschreibung. Die Baukosten sollten sich auf 80.000 Mark belaufen. Sie war ganz mit Blick auf die Zukunft erbaut. Sie sah 500 Sitzplätze vor, hatte elektrische Beleuchtung, Wasseranschluss und Zentralheizung, was es in manchen Attendorner Bürgerhäusern zu der Zeit noch nicht gab. Sie sollte das kleine Kirchlein „in Pastors Garten“ ersetzen, das durch das Anwachsen der Gemeinde auf rund 1.100 Gemeindeglieder sonntags nicht mehr alle Gottesdienstbesucher fassen konnte.

Die Attendorner Zeitung widmete am 25. Juli 1914 dem Neubau einen ausführlichen Bericht, in dem sie ausführte: „Zwischen dem Wilhelmsplatze, dessen nördliche Seite fast ganz einnehmend, und der Promenade erhebt sich der Neubau der evangelischen Kirche. Sie ist im modernisierten romanischen Stile erbaut und bildet mit ihrem formschönen, schlanken Turm, den ein künstlerisches Kreuz krönt, eine Zierde für die Stadt.“ Dass sich der Zorn der Attendorner auf die evangelischen Mitbewohner über den Bau einer eigenen Kirche gelegt hatte, war auch dem klugen Wirken von Pfarrer Schulte-Kersmecke und dem Architekten Gustav Mucke aus Hagen zu verdanken. Wo immer es ging, bekamen Attendorner Handwerker die Bauaufträge für den Neubau.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit konnte sich sehen lassen. Hier sei noch einmal die Attendorner Zeitung zitiert: „Der Haupteingang befindet sich am Wilhelmsplatze (Anm.: der heutige Klosterplatz). Das Portal ist in origineller Weise ausgeführt; es wird durch bildhauerische Arbeiten geschmückt: Die Köpfe der Reformatoren Luther und Melanchthon sowie des Kurfürsten Friedrichs des Weisen und Landgrafen Philipps von Hessen, ferner ist es geziert mit dem Symbol des Schiffes, der Weintrauben und Ähren.“

Erlöserkirche Innenansicht heute - Attendorn
Erlöserkirche Innenansicht heute

Bereits am 21. Mai 1914, dem Himmelfahrtstag, ertönte das neue Geläut der sich noch im Bau befindlichen Erlöserkirche zum ersten Mal vom neuen Kirchturm. In das neue Geläut wurden auch die beiden Glocken eingefügt, die als Geschenk Kaiser Wilhelm I. schon im Glockenstuhl der ersten Kirche gehangen hatten. Somit war das neue Geläut gleich dem in der Erlöserkirche in Jerusalem. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Kirche den Namen „Erlöserkirche“ erhielt. Die Entscheidung für diese Namensgebung lässt sich nämlich aus den Protokollbüchern der Gemeinde nicht entnehmen.

Ende des Zweiten Weltkrieges erlitt die Kirche durch den Bombenangriff am 28. März 1945 einigen Schaden, ebenso wie kurze Zeit später durch die Explosion der Munition, die die Amerikaner im Keller des ehemaligen Rathauses hatten zusammentragen lassen. Sämtliche Glasfenster und die Orgel wurden arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber bald konnte die Orgel wieder benutzt werden. Auch die Fenster wurden schnell wieder – allerdings mit einfachem Glas – verglast.

Erst 1959 konnten jedoch die bunten Bleifenster des Chores wieder eingesetzt werden. Oberstudienrat Karl Müller vom Rivius-Gymnasium hatte sie nach den ursprünglichen Motiven – der barmherzige Samariter, der verlorene Sohn und in der Mitte der auferstandene Christus – in mühevoller Kleinarbeit entworfen und die Herstellung überwacht. Nachdem 1960 die Kirche neu ausgemalt worden war, wurden zwei Jahre später auch die großen Seitenfenster eingesetzt.

1969 musste die Orgel aus dem Jahre 1914 ersetzt werden. Gutachten ergaben, dass eine Renovierung der auch durch den Bombenangriff und die Explosion arg in Mitleidenschaft gezogenen Orgel nicht mehr sinnvoll war. Anfang Februar 1970 konnte die neue, nach Ansicht von Kreiskirchenmusikwart Dr. Stüven aus Plettenberg „keine allzu große Orgel“ dann mit ihren 14 Registern übernommen werden. Sie wird bis heute in allen Gottesdiensten und auch bei Konzerten gespielt.

1948 erhielt das „Geburtstagskind“ drei neue Stahlglocken vom „Bochumer Verein“, weil 1942 zwei der Bronzeglocken abgegeben werden mussten. Da diese Glocken fürchterlich hart klangen, beschloss das Presbyterium 1992 trotz erheblicher Einwände aus der Gemeinde, neue Bronzeglocken anzuschaffen. Erntedankfest 1995 war es dann soweit: Zum ersten Mal erklangen die fünf neuen Glocken gemeinsam mit der kleinsten, die bereits mit in der ersten Kirche zum Gottesdienst einlud. Da die Glocken mit denen der katholischen Kirchengemeinde abgestimmt wurden, erklingen seitdem zu besonderen Anlässen die Glocken der Stadt „in geschwisterlichem Klang“, wie es Pfarrer Ekkehard Bertram bei der liturgischen Segnung ausdrückte.Erlöserkirche Attendorn - Haupteingang

Im Rahmen der notwendigen Grundsanierung wurden der Erlöserkirche 1995 die in der Originalzeichnung vorgesehenen vier Turmuhren gegeben. Außerdem wurden in diesem Jahr das Dach und der Turmhelm mit Mosel-Naturschiefer in altdeutscher Doppeldeckung und die gesamte Dachentwässerung erneuert. Das Turmkreuz erhielt eine neue vergoldete Kugel, in der die Urkunde über die Außensanierung versiegelt wurde. Außerdem schwebt als krönender Abschluss nun wieder ein nach den alten Vorlagen vergoldeter Hahn über dem Turm der Erlöserkirche.

 

Nachdem nunmehr die Kirche von außen saniert war, ging man mit Eifer an die Sanierung des Innenraumes. Im Mai 1997 feierte die Gemeinde in der Kirche mit ihrem mehr als 25 Jahre alten „Outfit“ den letzten Gottesdienst, bevor sie am Reformationstag (31.10.) in neuem Glanz mit einem Festgottesdienst wieder eröffnet werden konnte. In der Zwischenzeit fanden die sonntäglichen Gottesdienste in der damals noch vorhandenen Franziskanerkirche statt. Ein Zeichen für gelebte Ökumene.

Nach Absprache mit den Denkmalschützern – inzwischen war die Kirche als erste Jugendstil-Kirche des Sauerlands unter Denkmalschutz gestellt worden – wurde der Umfang der Restaurierung und Ausmalung mit einem Kostenvoranschlag von rund 630.000 DM festgelegt. Damit das störende laute Knacken der alten Dampfheizung verschwand, wurde eine neue Heizungsanlage mit dezentralen Wärmestationen im Kirchenschiff eingebaut. Entgegen aller Annahmen der Fachleute zeigte sich bei den Arbeiten, dass noch viele Reste der ursprünglichen Jugendstil-Ausmalung vorhanden waren. So entschloss sich das Presbyterium zu einer Innenausmalung in Anlehnung an die Erstausmalung. Lediglich der Chorraum erhielt statt des dunkelblauen Sternenhimmels wie bei der ersten Renovierung wieder einen cremigen Anstrich, was das ganze Kirchenschiff heute heller erscheinen lässt.

Alles in allem hat der Bau dieser Kirche allen Befürchtungen zum Trotz auch dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen den evangelischen und katholischen Bürgerinnen und Bürgern der Hansestadt zu entkrampfen, sodass man heute auf beiden Seiten jeweils von der Schwestergemeinde spricht.

Festprogramm – 100 Jahre Erlöserkirche Attendorn

Seit dem 31. Oktober 2013 feiert die evangelische Kirchengemeinde den Geburtstag der Erlöserkirche mit zahlreichen Veranstaltungen. Für dieses Jahr stehen noch die folgenden Punkte auf dem Programm:

  • Sonntag, 31. August 2014 ab 10 Uhr:
    Festgottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum mit Präses Annette Kuschus ab 16 Uhr: Hochspannung auf dem Tiefseil – Kindertheater mit Casi & Lolek
  • Samstag, 6. September 2014 ab 15 Uhr:
    Kinderkirchentag für Kinder ab 7 Jahren
  • Donnerstag, 25. September 2014 ab 19.30 Uhr:
    100 Jahre Erlöserkirche – Kirchenführung mit Wolfgang Dröpper
  • Donnerstag, 30. Oktober 2014 ab 19.30 Uhr
    Eröffnung der Ausstellung „100 Jahre Erlöserkirche – Evangelisches Leben im Südsauerland“ im Südsauerlandmuseum Attendorn
  • Freitag, 31. Oktober 2014 ab 18 Uhr:
    Reformationsgottesdienst
    ab 21 Uhr: ChurchNight – Aktionsreiche Nacht für Jugendliche ab 12 Jahren
  • Sonntag, 7. Dezember 2014 ab 17 Uhr:
    Weihnachtsoratorium von J. S. Bach mit dem ev. Kirchenchor und dem Madrigalchor unter der Leitung von Gerhard Strub. Solisten: Vera Schoenenburg, Mark Heimes und Georg Zeppenfeld

Das online Stadtmagazin „Attendorner Geschichten“ ist ebenso wie das Hochglanzmagazin für die Sauerländer Lebensart „WOLL – Rund um Biggesee u. Listersee“ aus dem Hause FREY PRINT + MEDIA GMBH – der Druckerei und dem Medienhaus vor Ort in Attendorn.

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