Aus dem Attendorner Volksblatt: Kennt die Technik keine Grenzen mehr?

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Vor 100 Jahren – unsere Serie geht weiter

Theodor Frey - Logo von 1902Im Archiv von FREY PRINT + MEDIA sind alle Ausgaben des alten Attendorner Volksblattes archiviert, das im selben Verlag bis 1941 erschienen ist. Rund um den Biggesee vor 100 Jahren, nun, das geht natürlich nicht wirklich, weil es noch über 50 Jahre dauern soll, bis das Tal zwischen Olpe und Attendorn angestaut wird.

Es ist Frühling 1914 und der Listersee samt Kraftwerk ist noch ganz neu. Überhaupt wird viel gebaut in diesen Tagen. Die evangelische Erlöserkirche in Attendorn, die Reichsbank in Olpe an der Martinstraße, in der heute die Südwestfalen-Agentur residiert, das neue Amtsgericht wird soeben bezogen, das Kaufhaus Lenneberg wird am Kurkölner Platz in Angriff genommen und auch das Hotel „Zum Schwanen“ ersteht nach einem Brand nun noch größer und moderner neu.

Maiwormshammer - Listernohl
Technischer Alltag aus dem Sauerland kurz vor dem ersten Weltkrieg: Die Mannschaft einer Werkstatt am Maiwormshammer, zwischen (Alt-) Listernohl und Ewig, präsentiert sich stolz mit den Topf- und Pfannengriffen, wie sie aus der Drahtrolle produziert werden.
Kettenfahrzeug - historisch
Die erfolgreiche Vorführung eines Kettenfahrzeugs
im Berliner Stadion begeistert im Frühling 1914 das anwesende Militär. Nur zweieinhalb Jahre später kriechen die ersten britischen „Tanks“ über die Schlachtfelder an der Somme und werden zum Schrecken des Grabenkrieges.

Ebenso modern sind auch die Konsumvereine, die sich in vielen Dörfern mit viel Elan gründen. Außerdem soll zwischen Heggen und Hülschotten der Feldweg endlich befestigt werden und die Elektrifizierung ist ein großes Thema. Das Kabel wird von der Lister über Heggen bis nach Altfinnentrop gelegt und über Milstenau und den Stürzenberg zurück nach Attendorn. Da wollen dann aber auch trotz Umwegs die Ennester dabei sein. Und eine neue Kirche für sie ist auch in Planung, dafür sorgt der Kölner Domherr Schnütgen persönlich, der ja aus dem Listertal stammt.

Ja, der Segen des Fortschritts ist in aller Munde! Der Fluch leider bei manchem auch: So verschluckt eine unglückselige Patientin in Wien bei einer Strahlenbehandlung versehentlich einen Radiumträger (im Wert von 15.000 Kronen, das nicht ganz am Rande). Zu gleicher Zeit stirbt in Hartford/Connecticut auch Mr. Green, der Erfinder der „X-Strahlen in Röhren“, an den Folgen seiner Versuche und im Berliner Stadion führt der Erfinder Goebel dem Kaiser ein Kettenfahrzeug vor, das schon bald ebenso tödlich werden soll, denn das Militär zeigt sofort ein besonderes Interesse an diesem rasselnden, stinkenden, lärmenden Ding.

Dabei ist der Motorverkehr 1914 auch bei uns schon riskant genug, denn in Altenkleusheim wird ein erstes Kleinkind von einem Automobil überfahren! Es überlebt zum Glück, denn allzu schnell kann der Knatterkasten auf der Buckelpiste auch nicht gewesen sein. Jedenfalls ist es ein Fall für die Gendamerie!

Und nicht der einzige: Der Pflasterer Johann W., ohne festen Wohnsitz, mit „großem Strafregister“, stiehlt dem Kreistierarzt in Olpe das Fahrrad vor der Haustür. Dafür geht er ein Jahr ins Zuchthaus, obwohl der Staatsanwalt zwei Jahre gefordert hat. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm außerdem entzogen. Aber Graf Mielzynski, „der bekanntlich kurz vor Weihnachten seine Ehefrau und seinen Neffen erschossen hatte“, wird in Meseritz bei Lublin freigesprochen. Außerdem hat ein Untersuchungsrichter bei dem Direktor der „Heraldischen und Archäologischen Gesellschaft“ in dessen Villa vier Zentner Orden und Ehrenzeichen beschlagnahmt. Der Ordensschwindel hat jedoch vermutlich wenig Einfluss auf die bürgerlichen Ehrenrechte, denn ein fescher Rock mit goldenen Litzen, der ist gerade 1914 erst mit ordentlich Lametta richtig schön.

Ach ja, wo wir wieder beim ewigen Thema sind: Kaiser Wilhelm II. weilt in Wien und rasselt vermutlich, wie immer, mit dem Säbel, was sich generell anmerken lässt, wie in jeder bisherigen Folge unserer Chronik, und der Erste Weltkrieg ist leider nicht mehr fern.

Empress of Ireland
Die „Empress of Ireland“ sinkt im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom mit Mann und Maus. Ein Attendorner im Pech kommt jedoch mit Glück davon.

Zum Schluss aber noch eine Nachricht, dass man auch mal davonkommen kann: Der Personendampfer „Empress of Ireland“ sinkt beim Zusammenstoss mit dem Kohlenfrachter „Storstad“ im kanadischen St.-Lorenz-Strom und über 1000 Passagiere kommen ums Leben. Aus Montreal „depeschiert“ der aus Attendorn stammende Ferdinand Quinker an seinen Bruder im Sauerland, dass er wegen einer Verspätung glücklich jenes Schiff verpasst hat, das ihn eigentlich zurück in die Heimat bringen sollte.

Das Hochglanzmagazin für die Sauerländer Lebensart „WOLL – Rund um Biggesee u. Listersee“ ist aus dem Hause FREY PRINT + MEDIA GMBH – der Druckerei und dem Medienhaus vor Ort in Attendorn.

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