Was sehe ich wirklich?

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Arbeiten mit Handschuhen ohne Staffelei, auf dem Klavierhocker, zu Farbprobe muss die Wand herhalten.

Manuel Stracke hat sich dem Fotorealismus verschrieben

Es sind oft die Autodidakten, die mit interessanten Arbeiten aufwarten, weil sie niemand nach den geläufigen Regeln ausgebildet hat. So werden Wege beschritten, die man selbst finden muss – und Ergebnisse vollbracht, die sonst kaum möglich erscheinen. Mario Stracke aus Möllmicke ist dem Fotorealismus, also der möglichst exakten Darstellung des zu Sehenden, mit seinem Malpinsel auf der Spur. Und das ist eine faszinierende Geschichte.

Der 22-jährige Schlosser und nun Abi-turient auf dem zweiten Bildungsweg hat bereits eine Schaffenskrise hinter sich. Zwei Jahre lang hatte er kein Malzeug mehr angerührt. „Ich hatte schwarz-weiß mit der Airbrush-Pistole gearbeitet und war irgendwann an einem Punkt angekommen, an dem es einfach nicht mehr für mich weiter ging. Das, was ich im Detail zeigen wollte, war technisch mit Luftdruck nicht mehr möglich.“ Zwar hatte er sich für eine private Airbrush-Akademie im Ruhrgebiet interessiert, „aber als ich sah, dass die allesamt nach dem gleichen, nicht sehr raffinierten Muster arbeiteten, war die Sache für mich sofort erledigt.“

Das kleine Atelier unter der Dachschräge im elterlichen Haus verwaiste. Aber dann erinnerte er sich an die Gemälde des Österreichers Gottfried Helnwein. Nach der zweijährigen Pause stieg der Drang und Mario sagte sich, dass es dann eben Ölfarbe sein müsse; schließlich wären dort ja perfekte Ergebnisse zu sehen.

Er bestellte einen Satz Farbtuben, nahm das Portraitfoto eines schwarzen Kindes, das ein Freund aus Airbrush-Zeiten gemacht hatte, und verschloss hinter sich die Tür. Als sein erstes Ölbild fertig war, machte er sich an das zweite, an dem er soeben arbeitet, wobei er wiederum die üblichen Gepflogenheiten einfach übergeht. So hängt er die Leinwand senkrecht an die Wand, duckt sich davor mit Handschuhen auf einen Klavierschemel und mischt die Farben auf dem Glastisch. „Das geht gut, die Töne treffe ich eigentlich immer sofort“, ist sein lapidarer Kommentar dazu. Und so entsteht nun das Portrait seiner Freundin Lane im Großformat, das er in eine Serie von drei, vier Bildern setzen möchte. Die Vorzeichnung dazu macht er mit sicherer Hand. Ob er sich vorstellen könne, auch einmal abstrakt zu malen? Das  interessiere ihn zur Zeit nicht, denn was sei reizvoller als das menschliche Antlitz mit seinen individuellen, echten, wahren Details? Sagt es und vertieft sich in einen Lichtreflex auf der Zunge, der wieder ein Stück weiter zum fotografischen Ergebnis führt.

Auf die Frage nach der verwendeten Farbe räumt er ein, dass ihm die erste Qualität als Schüler einfach zu teuer sei. „Aber andererseits: Was nützt Dir das beste Material, wenn Du nicht malen kannst?“, womit er ein starkes Argument verwendet.

Mischtisch. „Es geht doch prima auf der Glasplatte ...“
Mischtisch. „Es geht doch prima auf der Glasplatte …“

Wir sitzen schließlich in der Küche und er kramt einen Ordner hervor. Auf die Frage nach dem Beginn zeigt er nun Aquarelle, die er mit 13, 14 Jahren gemacht hat. Landschaften, aber auch die Details sind schon da. Wie, verflixt noch einmal, reflektiert sich das Licht wirklich in einem Eigelb?

Aber irgendwo her müssen doch einige Hinweise kommen. Klar, sagt er, es gibt da ein Internetforum, happypainting.de. „Erst haben sie geglaubt, ich wolle sie verar…, hinters Licht führen, als ich mein erstes Bild, das mit dem Kind, hochgeladen hatte. Aber jetzt sieht man ja den Fortschritt in der Arbeit. Und seither ist es ein tolles Forum mit guten Tipps, das muss ich schon sagen.“

Das ist also nun der Stand der Dinge. Er hat auch schon mal in der Region nach Kontakten gesucht, aber irgendwie hatte er stets das Gefühl, dass sich niemand für seine Arbeiten interessiert. Dabei waren auch schon die Airbrush-Bilder von einer erstaunlichen Qualität; sie stehen ja noch fertig gerahmt in den Ecken. Ob er sich ein Studium der Kunst an der Akademie vorstellen könne? „Das ist mit existenziellen Risiken behaftet“, so seine noch zögernde Antwort. Aber gerne möchte er irgendwann von seiner Kunst auch leben können.

Wer mehr erfahren möchte: www.facebook.com/stracke.mario

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