Kohle, Kumpel, Knappen

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Norbert Warme aus Olpe war Bergmann auf Hugo, der letzten Zeche in Gelsenkirchen

„Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt, …“ ist die Hymne für alle, die sich mit dem Bergbau verbunden fühlen, fester Bestandteil von Herbert Grönemeyers Konzerten, obligatorisch bei den Heimspielen des FC Schalke 04, der für die Gleichung „Ruhrgebiet gleich Arbeit gleich Fußball“ steht. Dessen Vereinschronik beginnt 1904 in Gelsen-kirchen, der „Stadt der 1.000 Feuer“, Protagonistin der montanindustriellen Ära und zeitweise größte Bergbaustadt des Kontinents, in der Oppa und Vatta auf dem Pütt malochten und Hundert-tausende von Kumpeln mit Schweiß und bloßen Händen ihr Brot verdienten.

Bergbau an sich wurde schon in der Steinzeit betrieben. Im Sauerland blühte er besonders in der frühen Neuzeit. Eisenerz und Buntmetalle wie Blei, Kupfer und Zink waren die Grundlage der vorindustriellen wirtschaftlichen Entwicklung. Zahlreiche Relikte, verborgene und verbrochene Stollen und Pingen zeugen davon. Einer der größten Gangzüge rund um den Biggesee ist der Rhonardzug. Die Grube wurde 1562 erstmals urkundlich erwähnt, 1892 endete der Olper Bergbau. Vermutlich die ältesten Stollen des Kreises Olpe sind die des Altenberger Zuges in der Gemeinde Wenden. Ruhm erlangte ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Meggener Bergwerk mit seinen Schwefelkies-, Schwertspat-, Zink- und Bleigruben. Seit 1992 ist in der Schachtanlage Sicilia ein Museum untergebracht.

Betriebsführerzimmer im "kleinen Museum
Betriebsführerzimmer im „kleinen Museum

Im Ruhrgebiet erinnern Hochöfen, Gasometer, Zechen und Fördertürme an die 150-jährige Geschichte um Kohlenstaub und Stahl und damit an das Herz der industriellen Revolution in Deutschland, die das soziale und kulturelle Leben, die Sitten und Bräuche vieler Generationen und letztendlich die Identität einer ganzen Region bis heute bestimmt: „Wir sind das Ruhrgebiet.“

Ein echter Bergmann aus dem Pott: Norbert Warme aus Olpe
Ein echter Bergmann aus dem Pott:
Norbert Warme aus Olpe

2018 werden die letzten drei Steinkohlezechen in Deutschland schließen. Kohle aus Russland, den USA und Kolumbien ist billiger. Mit der Schachtanlage Hugo in Buer gingen in Gelsenkirchen im Jahr 2000 endgültig die Lichter aus. Auf Hugo arbeitete neben über 5.000 Kumpeln auch Norbert Warme (60) aus Olpe – über 30 Jahre lang.

In Sichtweite der Zeche auf Kohlen geboren begann er als 16-Jähriger seine Lehre zum Starkstromelektriker, war als solcher in einer Tiefe von über 900 Meter dafür verantwortlich, dass die Förderbänder liefen und das schwarze Gold nach oben kam. Später wurde er Betriebsstudienhauer, verbrachte aber weiter die meiste Zeit unter Tage. Sein Großvater war Schachthauer, sein Vater Maschinensteiger. „Man kannte eben nichts anderes“, erzählt er und zeigt seinen Gewerkschaftsausweis, ausgestellt am 1. September 1969. Bergarbeiter sind gut organisiert, und zwar weit über 90 Prozent, stehen für Standesbewusstsein und Stärke. „Ich hätte auch mal gerne etwas ganz anderes gemacht“, räumt Norbert Warme ein und fügt hinzu: „Aber einmal Bergmann, immer Bergmann.“

Industriedenkmal: Schacht 2 der Zeche Hugo in Gelsenkirchen
Industriedenkmal: Schacht 2 der Zeche Hugo in Gelsenkirchen

Wenn man mit ihm ins Erzählen kommt, würde man gerne Geschichten von idyllischen Zechensiedlungen, von Solidarität und Taubenzucht, schönen Gärtchen und Frauen mit dem Henkelmann am Schachttor hören. Aber Norbert Warme liegt – abseits des Zusammenhalts, denn Kumpel unter Tage sind auch Kumpel über Tage – eher der nüchterne Blick. „Es war immer ein harter Beruf, trotz allen Fortschritts und aller Maschinen“, sagt er und spricht in Bergmannssprache vom Anfahren, Auffahren und Auslängen, von Dingen wie Frischwetter, der in den Berg gedrückten Frischluft, und von Abwetter, der abgeleiteten Schmutzluft. „Die feinen Kohlepartikel setzten sich überall fest. Man war schwarz ohne Ende.“ Die Kleidung hing in der großen Kaue an langen Ketten unter der Decke, Weißzeug und Schwarzzeug am gleichen Haken. Später wurden die Kauenbereiche getrennt. „Das alleine war eine Erleichterung“, erinnert er sich und erzählt von den Kumpeln mit Lungenschmacht und Bierdurst nach einer langen, heißen Schicht. Angst unter Tage hat er nie gehabt. Vielleicht als er einmal einen Blindschacht heraufsteigen musste, weil der Förderkorb nicht funktionierte. „Ein mulmiges Gefühl, außer der Leiter rechts und links nichts außer Schwärze, die Luft warm und feucht.“

1858 begann in Gelsenkirchen mit der Zeche Hibernia die Steinkohleförderung. Erste Abteufversuche gab es zwar schon 1849 auf Dahlbusch, der Förderbeginn datiert hier aber auf 1860. Der Name ging um die Welt, spätestens mit der Ver-filmung des Unglücks in der niedersächsischen Ilseder Hütte, bekannt als „Wunder von Lengede“. Vor 50 Jahren, am 24. Oktober 1963, überfluteten dort 500 Millionen Liter Wasser und Schlamm die Grube Mathilde. Rettung für elf Kumpel brachte nach zwei Wochen am dunkelsten Ort der Erde in 855 Meter Tiefe die sogenannte Dahlbusch-Bombe, die 1955 auf eben jener Gelsenkirchener Zeche in bergmännischer Gemeinschaftsarbeit entwickelt wurde. Der Rettungszylinder für die 33 eingeschlossenen Bergmänner beim Grubenunglück in San José/Chile im Jahr 2010 geht auch auf sie zurück.

Vom Grubenfeld Hugo ist heute noch der Schacht 2 als Industriedenkmal erhalten. Zu verdanken ist das Klaus Herzmanatus, dem letzten Hugo-Betriebsratsvorsitzenden. Er betreibt zusammen mit einem Trägerverein auch „Das kleine Museum“ in der Arbeitersiedlung – inzwischen Prestigeobjekt – Schüngelberg, das Bergbau- und Heimatge-schichte erzählt, wobei auch die Fußballknappen von Schalke eine Rolle spielen. Auf dem Pütt malochte einst Ernst Kuzorra († 1990), der mit der Mannschaft sechs Mal Deutscher Meister wurde und Mitbegründer des legendären Schalker Kreisels war. Oder Hugo-Bergmann Willi Koslowski, genannt „der Schwatte“, der auf Schalke seine Karriere begann und es bis zur Weltmeisterschaft 1962 in Chile brachte.

Das neue internationale Trikot der Blau-Weißen trägt seit dieser Saison mit den Stadtfarben Gelsenkirchens – Grün-Schwarz-Weiß – die Verbundenheit zum Revier in die Welt. Wenn der Olper Norbert Warme heute nach Gelsenkirchen fährt, dann wegen des Fußballs, aber immer über seine alte Heimat Buer. Und da fällt ihm noch eine Begebenheit aus seiner Bergmannszeit ein: Als Schalke 04 in der Bundesligasaison 1976/1977 am 9. Spieltag (9.10.1976) vor 50.000 Zuschauern im alten Olympiastadion in der bayerischen Landeshauptstadt gegen Bayern München mit 7:0 gewann, ließ man kurzerhand ein Mikrofon unter Tage und übertrug die Bundesligakonferenz aus dem Radio. Die Kumpel hätten es sonst nicht geglaubt.

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