Vor 400 Jahren geschah das Pestwunder von Attendorn

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Dass der Montag nicht jedermann zur Freude gereicht, das musste auch der Attendorner Tonies Kallenboel am eigenen starren Leibe erfahren. Heute, am 7. Oktober 2013, jährt sich seine wunderliche Geschichte zum 400. Male, und eigentlich ist alles gesagt zum „Pestwunder von Attendorn“. Spätestens mit dem Artikel von Gabriele Schmidt im aktuellen Mitteilungsblatt des Attendorner Heimatvereins wurde wohl alles zum Thema zusammengetragen, was man vielleicht finden kann, wenn nicht noch ein weiteres Wunder geschieht. Und doch: Was mag das für ein seltsamer Vogel gewesen sein, dieser Kallenboel, der 1620 als raubeiniger Soldat am Weißen Berg bei Prag dabei gewesen sein soll, in jener denkwürdigen Schlacht, in welcher der Habsburger Kaiser Ferdinand II. den protestantischen „Winterkönig“ Friedrich aus dem Land jagte.

Sieben Jahre zuvor war er populär geworden, der Kallenboel, den sie alle nur den „Tod“ nannten. 1613 war die Pest über das Sauerland gekommen und auch der vielleicht 20-jährige Tonies machte sich ans schnelle Sterben. Kalt und steif wollen sie ihn in die Lade gelegt und beerdigt haben, wobei das vermutlich nicht ganz richtig ist. Die großen Gruben während der Epidemien wurden nach und nach mit den armen Teufeln befüllt, um mit Kalk in Lagen bestreut zu werden, und so mag es nicht verwundern, dass jemand am nächsten Tag das Klagen des lediglich Scheintoten vernehmen konnte, als dieser nach einer schauerlichen Nacht im eigenen Grabe wieder erwacht war. Schnell dürfte das Wunder herum gewesen sein, aber Kallenboel beschränkte sich wohl nicht auf die Bußfertigkeit in der Kirche, um seinem damals allgegenwärtigen Gott für die Rettung fromm zu danken. Nein, eine Tafel ließ er sich anfertigen, bestätigte seine Wiedererweckung von den Toten per kurfürstlicher Quittung und zog fortan über die Märkte, um sich selbst als Wunder anzupreisen: Kallenboel, der Tod, der doch noch am Leben ist. Spätere Chronisten haben in liederlich genannt, mag alles sein, aber überlebt hat er als Figur die meisten anderen dann doch.

Jedenfalls hat er ein Sauerland gesehen, das wir uns kaum noch vorstellen können. Finsterer Aberglauben, der Hunger, die Pest, der furchtbare Dreißigjährige Krieg …

Mehrfach war Attendorn von Hessen und Schweden angegriffen worden, Olpe brannte 1634 nieder und war 20 Jahre später noch nicht zur Hälfte wieder aufgebaut. Ein protestantischer Offizier unternahm Schießübungen auf das Dräulzer Kirchensilber und der ehrwürdige Stadtkämmerer Peter Butz wurde in Belmicke von den wilden Kriegsknechten über den Haufen geschossen, wie so viele andere auch. Bei Weringhausen wurde um 1935 am Wegesrand das schnelle Grab eines Reitersmannes wohl jener Zeit gefunden, dessen Ausrüstung leider in der Schmiede des Kalksteinbruchs verschwand, als 1945 die Amerikaner einrückten – nun ja.

Der KallenboelDer große Streit von damals jedenfalls ist lange her. Ein kleiner geht aber doch bis heute weiter: Wie wird er denn nun ausgesprochen, der alte Galgenschwengel? Der Wiener Hofprediger Abraham a Sancta Clara nannte ihn rund 90 Jahre später „Calebron“, aber das können wir wohl getrost vergessen. Bleibt der „Böl“, denn der „Kallen“ ist wohl klar. Kallenböl also, wie ihn viele Attendorner nennen? Der Buchstabe „E“ diente in den Schreibstuben als Dehnungshinweis, so wie das „H“ bis heute. Und sagen wir nun Söst statt Soest oder Cösfeld statt Coesfeld? Was ist recht? Gerne diskutieren wir das mal aus. Ob nun Kallenböl oder Kallenbohl, der alte Schelm hat jedenfalls vor nunmehr 400 Jahren dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Das mache ihm erst einmal jemand nach. Begegnen kann man ihm übrigens auch auch im gleichnamigen Roman „Der Kallenboel – ein sauerländisches Abenteuer im Dreißigjährigen Krieg“, den ein anderer Erzschelm just geschrieben hat.

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