Die Hexe von Steupingen

Eine Legende aus dem Drolshagener Land

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WOLL Sauerland Hexe von Steupingen
Der Hexenwald am Berg Steupingen: Glaubt man dem Echo vergangener Zeiten, kann man eine mystische Stimmung vernehmen.

Kennen Sie die Hexe von Steupingen? Sie treibt in den Wäldern am Berg Steupingen am südlichen Fuß der kleinen Ortschaft Wormberg unweit von Drolshagen ihr Unwesen. Dort lebt sie mit einem hässlichen Männchen mit Pferdefuß, einem Pferdefleisch fressenden Hund, einem Ziegenbock, fünf Krähen sowie fünf schwarzen Katzen, bei Tage alles schmucke Mädchen aus Drolshagen und eins auch aus Olpe. Letzteres trägt den Namen Lisi. „Wenn dort die trinkfesten Männer hinter dem Wirtshaustische sitzen, saust die Lisi auf einem Besenstiel um das Haus und sogleich regnet und hagelt und stürmt es um die Mauern und Fenster, dass die Männer bis tief in die Nacht sitzen und trinken. So gefällt es mir“, wispert die höckerige Hexe.

Wenn also die Drolshagener und Olper Frauen des Nachts auf ihre Männer warten, wissen sie spätestens jetzt: Schuld daran ist alleine die Hexe von Steupingen. Aber Spaß beiseite: Geschichten sind da, um erzählt zu werden. Oft kommt es dabei weniger auf das Was als vielmehr auf das Wie an. Geschichten vermitteln aber auch Wissen. Gerade wenn sie die uralte Vergangenheit der eigenen Heimat in die Gegenwart transportieren, entzündet sich an ihnen ein besonderer Reiz.

Zurück zu der Hexe von Steupingen. „Wurde damit von den christlichen Missionaren ein Druide benannt, der hier im westlichen Grenzgebiet des germanischen Süderlandes – aus dem später Sauerland wurde – lebte? Einige Fakten sowie die topografische Lage lassen diesen Schluss durchaus realistisch erscheinen“, so der Drolshagener Reinhard Heer. „Die Sage entstand um das 12. Jahrhundert, als das Sauerland christianisiert war und die Menschen von ihrem alten Glauben etwas mitnehmen wollten, und ist viel mehr als eine Geschichte, die Märchen aufgreift.“ Heer meint in ihr Teile eines Puzzles zu finden, das von der hiesigen Siedlungsgeschichte vor dem Kapitel der Christianisierung ein Bild zeichnet und auf eine Reise zu heidnischen Vorgängern einlädt. In den „Sagen des Sauerlandes“ von dem Priester und Heimatforscher Friedrich Albert Groeteken (1878–1961), erstmals erschienen 1921, ist die Legende nachzulesen.

Heers Meinung nach zieht sie ihre Fäden bis nach Wormbach: bei den Sachsen Ort zur Verehrung von Wotan, dann Urpfarrei des Süderlandes und damit Ausgangspunkt der Christianisierung des Sauerlandes ab dem 10. bis 11. Jahrhundert. Bereits zur Zeit der Germanen war Wormbach also eine Kultstätte von großer Bedeutung. Zeichen dafür sind unter anderem die über 1000 Jahre alten sogenannten Totenwege, die sternförmig nach Wormbach führten, auch von Olpe und Drolshagen aus.

Mit der Christianisierung jedenfalls setzte der Ausbau der Kirchenorganisation ein. Dabei sollten Pfarreien und Klostergründungen helfen, den neuen Glauben bei den Menschen zu festigen. Manche der ersten Kirchen wurden an bestehenden heidnisch-sakralen Stätten errichtet.

Steht man bei Wormberg auf dem höchsten Punkt der Rheinlandstraße, so stellt man fest, dass der Turm der Drolshagener St.-Clemens-Pfarrkirche, gelegen wie das Korn in der Kimme zwischen den Bergen Papenberg und Buscheid, den Blick Richtung Wormbach lenkt.

„Trafen sich hier zu den Festen der Sonnenwende vielleicht die Sachsen, um – wie es geboten war – Richtung größtes Heiligtum zu schauen? Könnte davon auch der Name Wormberg stammen?“, fragt sich Reinhard Heer. „Alles Zufall? Nein, man wollte den damaligen Heiden deutlich machen, dass der christliche Gott größer ist als alle germanischen Gottheiten, und hat bewusst etwas davor gesetztt.“ Er sieht einen Hinweis darauf, dass in Drolshagen die Kirche vor einer bereits bestehenden Kultstätte errichtet wurde. Urkundlich nicht erwähnt, aber angenommen wird, dass der Grundstein für die St.-Clemens-Kirche auf Erzbischof Anno von Köln (1050–1075) zurückgeht. Weiter ist in den Sammlungen des Kirchspiels Drolshagen nachzulesen, dass sie „schon in heidnischer Zeit entstanden ist, was die Bauart und die kunstlos übereinander geschichteten Steine verraten.“

„Die Legende der Hexe von Steupingen und die in ihr beschriebenen Figuren haben starke Ähnlichkeiten mit der Edda“, zieht Heer Parallelen zu dieser bedeutendsten überlieferten Quelle der germanischen Mythologie. Dabei wird auch die Dämonisierung der Sagengestalten seitens der Missionare deutlich. So das Männchen, vergleichbar mit den Drollen bzw. Trollen, Waldwesen der germanischen Götter- und Heldendichtung. Sein Name Asmodi wird in der Bibel als böser Geist beschrieben. Wotans Tier war das Pferd, der Pferdefuß wandelte sich zum Symbol des Teufels und des Bösen, ebenso der Ziegenbock. Pferdefleisch, bei den Germanen Teil der Riten zu Ehren ihres Hauptgottes, verbot man als unreines Essen. Der Rabe bzw. die Krähe, dem Wotan als treuer Begleiter heilig, wurde zum Vorboten des Todes.

Mit den Drollen findet Reinhard Heer eine mögliche Deutung des Namens Drolshagen, gelegen im Grenzbereich der damals hier lebenden Germanen gegenüber den westlich wohnenden Franken. Das Namenselement -hagen, abgeleitet von dem germanischen Hag, bezeichnet ein eingefriedetes Gelände oder Waldgebiet. Die gleiche etymologische Wurzel hat das Wort Hexe, das ursprünglich „ein sich auf Zäunen oder in Hecken aufhaltendes Wesen“ beschreibt. In der christlichen Vorstellungswelt gemeinhin mit dem Bösen in Verbindung gebracht, werden ihr im Volksglauben heilbringende Kräfte nachgesagt, so wie dem Druiden, dem Heilkundler der Germanen.

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Der Blick Richtung St.-Clemens-Kirche in Drolshagen vom höchsten Punkt der Rheinlandstraße K 36 unweit von Wormberg.

„Die Legende der Hexe von Steupingen zeigt, dass wir nicht in einer Region leben, die nur ein toter Wald und geschichtsloses Land war. Im Gegenteil.“ Reinhard Heer möchte Licht in das Dunkel der Geschichte des Kreises Olpe und um die Anfänge von Drolshagen bringen. Wie gesagt, Legenden und Sagen sind da, um erzählt und gehört zu werden. Interpretationen sind erlaubt. Und vielleicht reichen sie zu Korrekturen. Geschichte verpflichtet.

von Birgit Engel [Text], Birgit Engel [Foto]

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