Leben in der Wendener Hütte

Lidwina und Hermann Cordes leben in einer großen Geschichte

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WOLL Sauerland Cordes
Lidwina und Hermann Cordes besitzen noch immer persönliche historische Stücke. Der Großteil zur Geschichte des Industriedenkmals Wendener Hütte liegt jedoch im Landesarchiv in Dortmund.

Der Ort ist einmalig im südlichen Sauerland. Die Wendener Hütte zwischen Gerlingen und Rothemühle war bereits seit 1728 Industriestandort. Mozart war noch lange nicht geboren und der Alte Fritz von Preußen gerade mal 16 Jahre alt. Und auch vorher schon hatte ein Hammer am Ort gestanden, bevor der Kölner Kurfürst Clemens August dem Johannes Ermert aus dem Saynschen das Privileg einräumte, einen Schmelzofen an der oberen Bigge zu errichten. Natürlich, solche Orte gibt es auch woanders, aber hier ist es schlicht ein Wunder: Denn die alte Hütte ist noch da! Und mit ihr sind es viele Geschichten, die es zu erzählen lohnt.

Längst ist das Industriedenkmal ein vielbesuchtes Museum, aber im stattlichen Verwalterhaus wohnen mit der Familie Cordes noch immer drei Generationen aus dem direkten Stamm der letzten Fabrikanten, obwohl der Hüttenbetrieb bereits 1866 eingestellt wurde.

Lidwina und Hermann Cordes wissen so auch das Geflecht der verschiedenen Beteiligten durch die Jahrhunderte zu entwirren. „Kurz nach der Gründung beteiligte sich die Familie Remy an der Wendener Hütte“, wie sich Hermann Cordes erinnert. In der Geschichte des frühen deutschen Stahls neben Harkort der vielleicht klangvollste Name. Sie holten nicht nur die Technik des Walzens um 1770 aus England zu uns, sondern auch das Puddeln, das leistungsstarke Flammofenfrischen mit Steinkohle statt mit Holz. Bald schon wurden neben zwei Hämmern auf der Wendener Hütte auch der Lütringhauser sowie sechs weitere Hämmer in Plettenberg mit dem begehrten Halbzeug aus dem Wendschen beliefert.

Es mag sein, dass die Remys später ahnten, wie sehr die Wendener Hütte vom Fortschritt abgeschnitten sein würde, wenn ab 1861 die neue Eisenbahn von Hagen nach Siegen fahren sollte; außerdem starb 1855 Louis Remy, der jenes Haus bewohnte, das heute noch Heimat der Familie Cordes ist.

So erwarben Michael Born und Eduard Niclas ein Jahr später die Hütte samt 15 Hektar Land. Mit dem Chausseebau war Born aus dem Raum Koblenz nach Olpe gekommen, als die erste befestigte Straße der Preußen im Kreisgebiet entstand. Dennoch: Die Eisenbahn war bald Wirklichkeit geworden und die Wendener Hütte musste am 1. März 1866 ihren schnell unrentabel gewordenen Betrieb für immer einstellen. Michael Borns Sohn Louis schnürte sein Bündel und baute Seilbahnen auf der ganzen Welt, Agnes Niclas schließlich, als letzter Spross der Eigentümer, heiratete den Lehrer Robert Cordes, der das besondere Erbe retten sollte: „Neben den alten Gebäuden überdauerte eine eiserne Kiste auf dem Dachboden die Zeit des großen Wegwerfens der 50er- und 60er-Jahre“, wie Hermann Cordes, der Sohn, sich heute erinnert.

Mitte der 1960er-Jahre entdeckte Dr.-Ing. Eberhard Neumann, der Beauftragte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe für Kulturdenkmäler, die seit gut 100 Jahren schlafende Wendener Hütte. Gemeinsam mit Prof. Dr. Fritz-Helmut Sonnenschein wurde ihm schnell bewusst, dass man dieses außergewöhnliche Industriedenkmal nicht abbauen durfte, um es in das damals noch geplante Freilichtmuseum nach Hagen zu überführen. Als dann Robert Cordes noch den einmaligen Schatz an Geschäftskorrespondenz aus Jahrhunderten vom Dachboden präsentierte, gewann der Plan eines eigenen Museums am Ort bald Gestalt. Der Bürgermeister von Wenden, der Kreis Olpe und der Arbeitgeberverband wurden aktiv; es gründeten sich Interessengemeinschaft und Museumsverein, schließlich wurde das 250. Jubiläum der Wendener Hütte 1978 groß gefeiert.

Heute, nach der Restaurierung, ist die Wendener Hütte ein Industriedenkmal von besonderem Rang, mit zahlreichen Besuchern, die jedes Jahr an die obere Bigge finden. Im Verwaltungsgebäude wohnt aber noch immer die Familie Cordes, die sich zu besonderen Anlässen an jener Tafel im Salon zusammenfindet, an der schon um 1840 Louis Remy saß, um über den Fortschritt der Stahlproduktion in Preußen zu grübeln.

Text: Achim Gandras

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