Kunstsammler Gerhard Schneider

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Als 1933 die Nationalsozialisten ihr verbrecherisches Regiment übernahmen, hatten sie es besonders eilig, in intellektuellen Kreisen jeden Widerstand zu brechen. Erkenntnis war gefährlich; und sie hatten Sorge, vielleicht so frühzeitig entlarvt zu werden, dass es möglicherweise ihre Herrschaft noch gefährdet hätte. Daher wurde unbarmherzig jede kritische Stimme zum Schweigen gebracht. Und wer damals die Schrecken des Krieges thematisierte, der stand auf ihrer schwarzen Liste ganz oben. Nicht nur alle jüdischen, sondern auch die kritischen Künstler und Literaten wurden schon bald mit einem Berufsverbot mundtot gemacht. 1937 schließlich wurden die beschlagnahmten Arbeiten von fast 1.600 Malern und Bildhauern reichsweit in einer Wanderausstellung unter dem Titel „Entartete Kunst“ ausgestellt und verhöhnt. Diesen Künstlern gilt die Sammelleidenschaft von Dr. Gerhard Schneider aus Olpe.

Der 1938 in Marsberg geborene Philosoph und Historiker war als Antiquar Anfang der 1980er-Jahre auf den Nachlass des 1942 verstorbenen Malers Valentin Nagel gestoßen, der von der Kunstgeschichte bis dato vollkommen unbeachtet geblieben war. Bei der Spurensuche kristallisierte sich eine bestürzende Erkenntnis heraus: Es war nicht nur Valentin Nagel, es war eine ganze Künstlergeneration, die von den Nationalsozialisten so intensiv be-kämpft wurde, dass sie fast vollständig in Vergessenheit geraten war.

Natürlich gab es auch prominente Vertreter dieser deutschen Expressionisten, Surrealisten und der Neuen Sachlichkeit, die im Gedächtnis geblieben sind, wie Emil Nolde, Otto Dix, George Grosz oder die Mitglieder der Dresdner „Brücke“ sowie des „Blauen Reiters“. Aber manche Namen musste Schneider überhaupt erst wieder herausfinden, um sein großes Thema, die „Verfemte Kunst“, zu vervollständigen. Zwei umfangreiche Kataloge entstanden, um einen Querschnitt durch die inzwischen über 3.000 zusammengetragenen Arbeiten zu bieten. Eine dauerhafte Ausstellung im Solinger Museum Baden ist inzwischen zu sehen, aber auch temporär war die Sammlung Gerhard Schneider in Salzburg, Altenburg, Bayreuth und Aschaffenburg ausgestellt, bis sie nun als große Retrospektive den Weg in die Bundeshauptstadt gefunden hat.

Seit dem 16. März kann man sie im Berliner Ephraim-Palais, inmitten des Nikolai-Viertels, also direkt im historischen Stadtzentrum, erleben. Dieser Rokoko-Stadtpalast an der Spree wird so zu einem besonderen Mahnmal. Er erinnert an das finsterste Kapitel der Deutschen Kulturgeschichte; er zeigt aber ebenso deutlich, wie sehr die Nazis ihren Krieg verloren haben. Die verfemten Maler sind zurück; und nun ist die Gefahr eines langfristigen Vergessens auch dank der Leidenschaft Schneiders gebannt.

Viele der damals verunglimpften Künstler trugen den Begriff der „Entartung“ schließlich wie einen heimlichen Ehrentitel, darunter auch der Berliner Maler Georg Netzband, der als Visionär bereits im Vorfeld die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs bildgewaltig thematisierte. Dr. Gerhard Schneider hat auch von ihm einige Arbeiten zusammengetragen, die heute in Berlin natürlich auf ein besonderes Interesse stoßen.

Im Rahmen des Themenjahres 2013 „Zerstörte Vielfalt“, in deren Kontext unter anderem auch die Musik und das Theater der Weimarer Republik im Mittelpunkt stehen, läuft die Ausstellung des Olper Sammlers nun parallel zu einer großen Aktion im Deutschen Historischen Museum, das sich zum 80. Jahrestag der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit der Zeit von 1933 bis 1938 intensiv auseinandersetzt.

In Verbindung mit dieser Ausstellung im Alten Zeughaus, direkt Unter den Linden, wird die Sammlung Gerhard Schneider noch bis zum 28. Juli 2013 im Ephraim-Palais, Poststraße 16, zu sehen sein. Mehr unter: www.museumsportal-berlin.de

Text / Foto: Achim Gandras

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