Dumicke – Eine Kapelle und die Liebe zur Heimat

Der Pater mit dem Koffer in der Hand

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WOLL Sauerland Dumicke
Rudolf Lütticke und Clementine Langenohl erzählen aus ihren Erinnerungen.

Klar, dass die Pallottiner in der ersten Ausgabe von WOLL – „Rund um den Biggesee“ ihren Platz hatten. In diesem Jahr feiern sie das 50-jährige Jubiläum der Heiligsprechung ihres Gründers Vinzenz Pallotti. Die enge Beziehung der Olper zu den Pallottinern wurde besonders im Zweiten Weltkrieg deutlich, in jenen Tagen des Jahres 1941, als die Gestapo das Haus im Osterseifen in den frühen Morgenstunden des 19. Juni überfallartig beschlagnahmte, die Pallottiner auswies und dabei auf einen beispiellosen Widerstand der Bevölkerung stieß. Pater Rektor Wilhelm Wenzel, Pater Vizerektor Friedrich Franzen und Pater Prokurator Ernst Linden kamen ins Dortmunder Polizeigefängnis Steinwache, auch einige Bürger entgingen der sogenannten „Knochenmühle“ nicht. Die Sache ging bis in die höchste Ebene zum Reichsführer der SS, Heinrich Himmler.

In seinem Buch „Menschen im Widerstand“ hat Pater Norbert Hannappel Berichte von Zeitzeugen und Briefe zusammengetragen. Pater Franzen schreibt darin: „An diesen Tagen zeigte sich der Glaube der Olper und ihre Anhänglichkeit an die Pallottiner von der schönsten Seite. Die Tage sind ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Stadt. Es war ein machtvolles Bekenntnis (…).“

In den Geschehnissen spielt auch das Dörfchen Dumicke eine Rolle. WOLL hat sich auf Spurensuche begeben, die 86-jährige Clementine Langenohl und den 83-jährigen Rudolf Lütticke getroffen und eine Geschichte um eine Kapelle und ganz viel Liebe zur Heimat gefunden.

Eigentlicher Ausgangspunkt ist die Primiz des sogenannten „Kückelen Pastors“ im Jahr 1935. Das kleine Dumicke – derzeit lebten 13 Familien dort – wünschte sich schon lange eine eigene Kirche. Man war Schulgemeinde – und dazu gehörte eben auch ein Gotteshaus. Aber woher sollte man das Geld nehmen? „Jeder Dumicker Landwirt schafft sich einfach ein zusätzliches Ferkelchen an und verkauft es im Herbst“, so die Idee des Priesters. Von einigen Bauern direkt in die Tat umgesetzt, sorgten dann die Kirchenschweine im Herbst für die Grundsteinlegung der Kapelle St. Elisabeth. Rudolf Lütticke hat die Einzelheiten in seiner Chronik zum goldenen Jubiläum 1985 aufgeschrieben.

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Blick auf Dumicke mit der Kapelle St. Elisabeth vom Dorffriedhof aus.

Jedenfalls hielt mit der Einweihung der Kapelle im Oktober 1935 fortan ein Pallottiner-Pater aus dem Osterseifen die Sonntagsmesse. „Zunächst Pater Keßler, er kam immer mit dem Motorrad“, weiß Rudolf Lütticke. „1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und war bis 1945 im KZ. Warum, haben wir nie erfahren; und es wurde nie darüber gesprochen. Nach Pater Keßler kam meistens Pater Hein.“

Es nahte der Juni 1941. Die Pallottiner hatten längst Wind von einer geplanten Enteignung des Hauses bekommen, bauten aber auf ihre Anstrengungen, dieser zu entgehen. Über 100 Novizen und Brüder standen inzwischen an der Front. 14 lebten noch im Osterseifen, neben den Schwestern und Lehrmädchen. Die Jüngeren rechneten mit ihrer Einberufung und bemühten sich um die Ernennung zu selbstständigen Seelsorgern. Pater Alois Hein hatte im Juni eine Pfarrstelle im Sudetenland bekommen, Pater August Arendt wurde am Tag der Beschlagnahmung die Seelsorge von Dumicke übertragen.

„Ich sehe Pater Arendt noch heute mit seinem Koffer in der Hand den Berg runterkommen. Es war halb zwei am Nachmittag“, holt Clementine Langenohl die Ereignisse aus ihrer Erinnerung. „Er hat erst einmal einen Kaffee bekommen und ein Zimmer zum Schlafen.“ Die zierliche Dame mit dem schneeweißen Haar und den wachen blauen Augen erinnert sich genau an den Tag. „Für uns war es in dem Sinne auch ein Glück. Wir hatten endlich einen ständigen Geistlichen hier“, ergänzt Rudolf Lütticke.

Für den Osterseifen auch. Pater Arendt konnte von Dumicke aus die Vorgänge im Haus beobachten. Clementine Langenohl erzählt: „Die Sekretärin der Pallottiner, Frau Theisges aus Duisburg, musste in der Kapelle immer beten, während Pater Arendt im Osterseifen stöberte. Eines Tages kam er nicht wieder. Das war der Tag, an dem die Gestapo mal wieder das Haus durchsuchte. Pater Arendt versteckte sich hinter einer Zimmertür, entkam schließlich durch den Hintereingang.“

Pater Arendt jedenfalls, so ist es in der Sammlung von Pater Hannappel zu lesen, hat neben kirchlichen Gegenständen wichtige Unterlagen in Sicherheit gebracht. „Sie haben wirklich gut gebetet. Ich habe alle versiegelten Zimmer durchsucht und alle Papiere sind gerettet. Und da wäre mancher eingelocht worden“, sagte er zu der betenden Sekretärin. Susanne Theisges übrigens hat unter anderem auch dafür gesorgt, dass alle Briefe für die Pallottiner abgefangen und direkt zum Mutterhaus gebracht wurden. Sie war es auch, die das Priesterhilfswerk und die Hilfspakete für das KZ Dachau organisierte. Und allerorten kam stets Hilfe aus der Bevölkerung. Von Dumicke über Lütringhausen und Olpe bis ins Wendsche, von vielen Bürgern, vom Bauern über den Postboten bis zum Finanzbeamten.

Pater Arendt wurde 1942 nach Vallendar versetzt und Pater Hein kam aus dem Sudetenland zurück nach Dumicke. Er verfolgte die weitere Entwicklung, sicherte das noch vorhandene Mobiliar, aber auch Bücher und vor allem weitere wertvolle Akten, die im Keller des Finanzamtes – die Vermögensbeschlagnahmung hatte man hierhin übertragen – lagerten, ließ sie von einem Bauern nach Dumicke bringen, wo er alles gut versteckte. Ebenso brachte er rund 3.000 Bücher mit dem Pferdewagen nach Dumicke und schloss sie in einer leerstehenden Milchkammer im heutigen Haus Dumicketal ein. Rudolf Lütticke erinnert sich auch daran. „Es war kein Karl May dabei. Danach habe ich geguckt.“ Er war damals elf Jahre alt …

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Geistlicher und Gärtner: Pater Arendt 1942

Aber zurück zu Pater Arendt. Er war auch ein richtiger Hobbygärtner. „Er hat den Kapellengarten gestaltet. Und wir haben ihm alle geholfen. Er hat Leseabende veranstaltet und war immer für uns da “, erzählt Clementine Langenohl. Und Pater Hein – er blieb bis Juli 1945 und leitete die Wiederin-besitznahme ein – wurde zu einem richtigen Dumicker.
Im Juni 1945 kam der Provinzial der Pallottiner, Pater Schulte, nach Dumicke, würdigte den Beistand der kleinen Gemeinde und versprach die weitere enge Verbundenheit. Eine Verbundenheit, die bis heute anhält. Noch immer sind die Pallottiner in Dumicke seelsorgerisch tätig.

„Es war eine schlimme Zeit. Und es ist einem so nah gegangen. Das Pallottihaus war für uns ein Stück Heimat und die Pallottiner in dem ganzen Unglück ein Segen. Und es war einem so wichtig: der Aufbau der Gemeinde, das Dorf. Es sind so wertvolle Dinge, die in einem sind und an die man sich erinnern muss. Und noch immer gilt das Versprechen. Heute kann man das vielleicht nicht richtig nachfühlen. Es ist nicht mehr so wie es war. Kann es auch nicht. Es ist wohl der Weg des Lebens“, so Clementine Langenohl. Und mit ihrer zierlichen Figur, ihrem schönen Lächeln und den hellblauen, wachen Augen kann man sie sich gut als 14-jähriges Mädchen vorstellen.

Text/Foto: Birgit Engel

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