Bäumchensetzen Attendorn

EIn Abiturritual der besonderen Art

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WOLL Sauerland Bäumchensetzen
Tradition in Attendorn – angetrieben durch die Gesänge seiner Mitschüler „pflanzt“ ein Setzer ein Bäumchen.

Wie in jedem Jahr schlängeln sich auch jetzt, Mitte Mai 2013, bunt bemalte Autos in schier endlosen Kolonnen am Wochenende durch die Straßen der Hansestadt. Laute Gesänge ertönen aus den Gärten des sonst so ruhigen Ortes.Doch was steckt eigentlich dahinter?

Die Abiturienten der beiden Gymnasien St.Ursula und Rivius nutzen die Zeit zwischen Abschlussprüfungen und Zeugnisausgabe für das alljährliche „Bäumchensetzen“. Der Tradition folgend werden den Schülern in ihren Gärten kleine Bäume gepflanzt und das bestandene Abitur gefeiert.

Das Ritual des „Bäumchensetzens“ gibt es seit den Nachkriegsjahren. Es hat sich seitdem allerdings grundlegend verändert. Die Tradition wurde durch die Schüler des Rivius Gymnasiums ins Leben gerufen. Früher wurde jeder Stufe, welche die Abiturabschlussprüfungen abgelegt hatte, ein Bäumchen auf dem Schulhof gepflanzt. In den 1970er-Jahren wurde zum ersten Mal in den eigenen Gärten der Schüler gefeiert und die Bäumchen wurden auch dort gepflanzt. Bollerwagen dienten zum Transport der Pflanzen sowie der Verpflegung. Das besonders Skurrile in dieser Zeit war das grundsätzliche Alkoholverbot, das eigens durch den Schuldirektor angeordnet wurde. Im Laufe der Jahre haben immer mehr Schüler der Oberstufe an der Tradition Interesse gefunden und sich diesen Ritualen angeschlossen.

Das „Setzen“ der Bäumchen konnte durch den Einsatz von „Gauwagen“ später auch in entfernter gelegene Gebiete ausgeweitet werden. So hatten immer mehr Schüler die Gelegenheit, teilzunehmen und ein eigenes Bäumchen gesetzt zu bekommen. Die Gauwagen sind alte, wertlose Autos, die kurz vor Ablauf des TÜVs von den Schülern nur zu diesem Zweck günstig erworben werden. Sie werden in wochenlanger Arbeit in eigener Initiative mit Themen, Sprüchen und Zeichnungen versehen. Die traditionelle Erniedrigung der jeweils anderen Schule steht im Vordergrund bei der Themenauswahl und ist zurückzuführen auf die Rivalität zwischen den Schulen. Immer wieder erscheinen Sprüche für oder gegen eines der beiden Gymnasien auf den Autos.

Seit einigen Jahren ist der Ablauf des Bäumchensetzens ein immer gleiches Ritual:
Die Schüler treffen sich in den Wochen zwischen den Abschlussprüfungen und der Zeugnisausgabe – meistens über drei Wochen – jeden Freitag- und Samstagnachmittag an bestimmten Treffpunkten, um dann gemeinsam zu drei bis fünf verschiedenen „Setzen“ zu fahren. Haben sich erstmal alle Gauwagen und die Schüler der teilnehmenden Jahrgangsstufen 11 – 13 eingefunden, übernehmen die sogenannten Gauleiter das Wort und bestimmen die Route, die an dem jeweiligen Tag abgefahren wird. Sie führen die gesamte Kolonne an und übernehmen die Verantwortung. Sie sorgen weiterhin für einen verkehrsgünstigen Weg durch die Stadt zu den einzelnen Häusern, um Staus und Unfälle zu vermeiden. Am Treffpunkt wird den Schülern jedes Jahr ein Vortrag durch die Polizei gehalten und ein Eingriff während der Wochenenden vorbehalten, um einen sicheren Ablauf gewährleisten zu können.

Die Kolonne fährt die vorher geplante Route ab. Sind die Abiturienten an ihren Zielen angekommen, führen die sogenannten Setzer die Gruppe in die Gärten und nehmen das Wort auf. Jedem Schüler, der das Reifezeugnis erhält, werden zwei Bäume gepflanzt, meist ein Laub- und ein Nadelbaum.

Die Schüler der beiden Gymnasien stellen sich gegenüber auf und die Setzer beginnen, die Schüler mit lauter Stimme einzuheizen und die Stimmung anzutreiben. „Bewaffnet mit Spitzhacke und Bier“ stimmen die Setzer Gesänge und Sprüche an. Die Gesänge unterscheiden sich dabei. Wird im Garten eines Rivius-Schülers ein Bäumchen gesetzt, so unterstützen die Rivianer natürlich ihre eigene Schule und ihre Setzer lauthals. Wird in den Gärten der jeweils anderen Schule ein Bäumchen gesetzt, so werden – überwiegend niveaulos – mit Spott und Hass gefüllte Parolen schamlos ausgerufen. Die Anhänger beider Schulen versuchen dabei, die jeweils lautere Gruppe zu sein.

Die Setzer sind außerdem für die Durchführung des eigentlichen Bäumchensetzens zuständig. Angetrieben von den Rufen der Mitschüler hacken die Setzer ausgelassen Löcher in die Gärten. Durch Ausrufe der Mitschüler, wie zum Beispiel „Wie viele Löcher hat ein Minigolfplatz?“ oder „Diver, Diver, Diver!“, werden sie in ihrer Sache weiter eingeheizt. Durch den „Diver“, einen hohen, weiten Sprung mit viel Anlauf, wird der Boden genauso wie bei dem Springen von Bäumen, Dächern oder Menschenpyramiden eingedrückt. Dort wird dann mit der Spitzhacke nachgeholfen, ein Loch in den Boden gestemmt und anschließend ein Bäumchen gepflanzt. Das Ritual verpflichtet die Setzer, jedes gesetzte Bäumchen mit Bier zu begießen und die Flasche in den Boden neben das Bäumchen zu stecken.

Alkoholfreies Bier und Radler sind beim Gießen genauso tabu wie ein schief gesetztes Bäumchen. Dies ist Anlass für Häme und dient der Erniedrigung der anderen Schule; oft wird es als „Liegebäumchen“ verunglimpft und durch eine Choreografie, bei der sich alle Schüler auf die Erde legen, verspottet. Sind einmal alle Bäumchen gesetzt, so wird das „Setzen“ gemeinsam beendet. Die Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums und des Rivius-Gymnasiums umarmen sich, belassen alle feindlichen Ausrufe und singen gemeinsam „gaudeamus igitur“. Im Anschluss erfreut sich jeder an der „Caritas“. Hier wird durch Eltern, Freunde und Verwandte Bier, Wurst und Kuchen ausgegeben.

Abgeschlossen wird jeder „Setzentag“ durch den sogenannten „Joker“. Dazu trifft sich die Menge abends auf einer großen Wiese, möglichst weit weg von Wohngebieten, um ausgelassen weiterfeiern zu können. Die letzten Alkoholvorräte werden aus den Autos geholt und Tanzflächen mit großen Boxen und Lichtanlagen animieren die Schüler, den Tag gemeinsam in ausgelassener Stimmung ausklingen zu lassen. Hier tobt die Menge und „alle rasten aus“, so wie es in dem für das Setzen eigens geschriebenen Song „Setzenzeit“ heißt.

Text/Foto: Marius Bock

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