Gerhard Höffer und sein Osterarchiv

Ostern in der alten Hansestadt Attendorn

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WOLL Sauerland Ostern Attendorn
Gerhard Höffer mit einem Ostergemälde in den Händen; rechts im Bild seine Osterstrickjacke. Unsere Aufnahme entstand in seinem Osterarchiv.

Wer in Sachen Osterbrauchtum eine Detailfrage hat, der ist bei Gerhard Höffer richtig aufgehoben. Denn Gerhard Höffer ist von klein an Poskebruder, bekleidete von 1979 bis 1997 das Amt des Poskevatters bei der Ennester Pote und ist seit dem Jahr 2001 deren Ehrenposkevatter. Und was er in seinem Wohnhaus, Am Himmelsberg 7, untergebracht hat, das hat sich mit der Zeit auch rumgesprochen: Das weit und breit einzige Osterarchiv.
Nachdem Tochter Martina ausgezogen war und geheiratet hatte, reifte bei Gerhard Höffer die Idee, in ihrem Zimmer ein Osterarchiv einzurichten. Er hatte schon jede Menge gesammelt; und wenn ein alter Poskebruder verstarb, fragte er auch schon mal vorsichtig nach, ob er die Sachen, die Ostern betreffen, für sein Archiv haben könnte.

Zu den Raritäten des Osterarchivs zählt eine Kopie aus dem Attendorner Pfarrarchiv von der historisch wertvollen Eintragung in Pastor Johannes Zeppenfelds Rentenbuch aus dem Jahre 1658, in welchem er erwähnte, dass am Karsamstag in Attendorn die Brote gesegnet werden. Von der Genehmigung der Osterabendprozessionen durch das Generalvikariat Paderborn am 4. April 1849 hat Höffer ebenfalls eine Kopie. Darin steht, dass die Osterabendprozessionen dahingehend zu regeln sind, dass jeder Prozessionszug von einem der dortigen Geistlichen geleitet wird, damit alles geordnet zugeht.

Sein Ein-Raum-Museum ist eigentlich wie eine Wundertüte. So hat er Schwarz-Weiß-Bilder und Farbbilder in Alben, DVDs, CDs, Plakate, eingerahmte Fotos, eigentlich alles, was mit Ostern in Zusammenhang zu bringen ist. Da ist zum Beispiel eine Tisch-Standarte von der Ennester Pote. Das Tuch hat Marlies Melzer geschneidert, Hermann Schulte hat es bemalt und Hubert Scherer übernahm die Metallarbeiten. Oder man sieht die Back-formen für Osterlämmer.

Eine Besonderheit ist auch das Ölgemälde von Frido Müller, das dieser noch mit über 80 Jahren malte und welches das brennende Kreuz der Ennnester Pote zeigt.
Höffer besitzt auch ein Briefmarkenalbum mit österlichen Motiven. Es sind Brief-marken aus aller Welt, die den Kreuzweg und die Auferstehung zeigen. Auch die Sammlung von kunstvollen Eiern ist sehenswert: Diese sind unter anderem aus Russland, Südafrika, der Türkei, Ägypten, Italien, Mosambik, Namibia, Österreich und den Niederlanden. Natürlich hat der Poskebruder auch Eier aus Deutschland, zum Beispiel ein Stab-Ei.
Vor 25 Jahren hat Renate Höffer ihrem Mann eine Jacke gestrickt, die auf der Rückseite ein Osterkreuz trägt. Bei seinen vielen Vorträgen trägt Gerhard Höffer immer einem Seiden-schlips, der das Osterkreuz zeigt. Er geht besonders gerne in die Kindergärten und Schulen, um dem Nachwuchs das Oster-brauchtum nahezubringen.
Und all seine Erfahrungen über das Osterbrauchtum in Attendorn und anderswo hat Gerhard Höffer 2004 in einem Buch zusammengefasst. In der Einleitung hat der Buchautor geschrieben: „Nirgendwo ist mir ein Ort bekannt, in dem das Osterbrauchtum so vielfältig und intensiv gefeiert wird wie in Attendorn, meiner Heimatstadt. Es wird versucht, ohne Garantie auf Vollständigkeit, die Traditionen vorzustellen.“ Leider ist dieses Buch seit Langem vergriffen.

Und jetzt noch eine erfreuliche Nachricht vom Osterexperten für die Kinder: Den Osterhasen gibt es doch! Er wohnt seit rund 30 Jahren in Ostereistedt im Landkreis Rotenburg/Wümme in Niedersachsen. An ihn oder besser die Kunstfigur „Hanni Hase“ können Kinder aus aller Welt Briefe schreiben. Ehemalige Postbeamte beantworten die Schreiben gewissenhaft, selbst wenn diese aus dem fernen China kommen.

Hier die Adresse des Osterhasen für unsere WOLL-Leser:
Hanni Hase
Am Waldrand 12
27404 Ostereistedt
Nähere Infos gibt es auch unter www.hanni-hase.de.

Doch nachdem so viel vom Ostermuseum die Rede war, ist es an der Zeit, auch die heimischen Osterbräuche zu beleuchten. An den Kar- und Ostertagen tritt das Brauchtum für Attendorner und Besucher in Erscheinung, doch bereits nach Aschermittwoch heißt es zunächst auf den vier Po(or)tenversammlungen, die organisatorischen Weichen zu stellen. Danach gilt jeden Samstag die Devise: „Abmarsch zum Holzstellen.“

Wenn an den Kartagen in Attendorn die Glocken schweigen, werden aus dem Turm des Sauerländer Doms zwei langanhaltende Töne auf einem über 300 Jahre alten Horn geblasen.
In früheren Zeiten blies auf diesem Instrument der Nachwächter die nächtliche Stunde an. An Karfreitag und Karsamstag übernimmt dies nun Christoph Hilleke.

Der Karsamstag beginnt mit der Semmelsegnung vor der Seitenfront des Sauerländer Domes (zum Pastorat hin). 1658 hat es Pastor Zeppenfeld erstmals festgehalten, aber es spricht dafür, dass dieser Brauch weitaus älteren Datums ist. Pfarrer Andreas Neuser obliegt die Segnung der Semmel um 14 Uhr.

Kräftig Hand anlegen müssen die Bäcker der Hansestadt, welche die mit keilförmigen Einschnitten an den Enden versehenen Ostersemmeln (sie erinnern an die Schwanzflosse eines Fisches) nicht nur für Einheimische, sondern auch für viele Auswärtige backen. Der Teig ist mit Kümmel durchsetzt (sehr magenfreundlich). Der Ostersemmel kann durchaus ein christliches Symbol bedeuten. Der deutsche Maler und Grafiker Albrecht Altdorfer (1480–1538), bekannt durch seine Bilder mit biblischem und historischem Inhalt, bildete in einem seiner Hauptwerke „Die Geburt Christi“ einen Hirten mit gleichem Brotlaib ab.
Nach dem Semmelsegnen versammeln sich an den vier ehemaligen Stadttoren die Poskebrüder, um in den Wald zu gehen, wo die ca. 30 Meter langen Fichten gefällt werden.
Motorsägen sind hierbei verpönt. Es wird mit Axt und Säge gearbeitet. Vor den historischen Mauern des Südsauerland-museums kommen die Poskebrüder mit den gefällten Bäumen anschließend zusammen. Hermann Maiworm (86) wird 2013 dabei zum zweiten Mal für die plattdeutsche Ansprache zuständig sein. Er verkündet, wer das dickste und wer das längste Osterkreuz hat. „Dat Poskekrüz dat is dai Stolt der Poorte“, so singen die Poskebrüder anschließend zusammen und dann geht jede Po(or)te wieder ihren eigenen Weg zum Osterkopp.

Am Ostersonntag nach dem Mittagessen herrscht dort reges Leben. Die tags zuvor geholte Fichte wird mit einem Querbalken versehen und mit Stroh umwickelt. So wird das Osterkreuz in die Erde eingelassen und mit Drahtseilen festgehalten. Eine nicht leichte Arbeit, die viel Erfahrung voraussetzt. Am Stamm des Kreuzes werden die Bürden aufgeschichtet, die in den Wochen vorher gesammelt wurden. Gespannt wartet man am Abend auf das Lichtzeichen vom Sauerländer Dom (gegen 21 Uhr). Das Aufleuchten des Kirchturmkreuzes ist das Zeichen zum Anzünden der Osterfeuer. Scharenweise sammeln sich auch Kinder mit brennenden Fackeln auf den Köppen und bilden fackelschwenkend für den Außenstehenden ein erhebendes Bild.

Wenn das Festtagsgeläut erklingt, treffen sich in den Toren wiederum viele Gläubige, um – mit den bleiverglasten „Lüchten“ und einem Priester sowie Messdienern vorweg – singend in die Pfarrkirche zu ziehen. Hier findet eine Andacht mit sakramentalem Segen statt. Im Anschluss daran singt der MGV Cäcilia Attendorn 1879 e. V. noch einige Frühlingslieder.

Heft1Diese und weitere interessante Geschichten lesen Sie in der Frühjahrs-AUSGABE 2013 unseres Magazins
WOLL – RUND UM BIGGESEE UND LISTERSEE

 

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