Rolf Hennen – Buchdrucker mit Leib und Seele

Der letzte Jünger seiner "Schwarzen Zunft"

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WOLL Sauerland Buchdrucker
Den alten Heidelberger Tiegel für den Buchdruck kennt Rolf Hennen in- und auswendig.

Ratternd fährt das schwarzglänzende Ungetüm zusammen. Unwillkürlich zuckt man zurück, wenn sich die alte Druckmaschine, der legendäre „Heidelberg-Tiegel“, für den Laien ohne jede Vorwarnung blitzschnell in Bewegung setzt. Daneben Rolf Hennen, Attendorner, Buchdrucker mit Leib und Seele, der ganz selbstverständlich an diesem bedrohlichen Ding mit seinen zahllosen Hebeln und Armen hantiert, ganz so, wie sich unsereins das Frühstücksbrötchen schmiert: Als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und so ist es ja auch fast, denn seit 1959 hat er sich dieser schwarzen Kunst verschrieben, bei Frey in Attendorn, in der Druckerei mit ihrer weit über 100-jährigen Geschichte.

„Ich war 14, wollte eigentlich Schriftsetzer werden, aber dann war hier die Lehrstelle als Buchdrucker zu haben“, wie Rolf Hennen bei einem Kaffee erzählt. Schon damals sagten ihm die Lehrer in der Berufsschule, dass der Buchdruck ein Auslaufmodell sei, längst ein- und überholt vom Offset-Druckverfahren. Nun, 54 Jahre später, ist es wohl endgültig soweit. Der Heidelberg-Tiegel wird zur bestaunenswerten Antiquität, denn mit dem letzten Buchdrucker geht auch die Erfahrung nach Hause, die ein solches feinmechanisches Ungetüm bei Gelegenheit immer mal wieder am Laufen gehalten hat.

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Ein Bild von 1968. Rolf Hennen hat die großen Umwälzungen der letzten fünf Jahrzehnte im Druckerei-Gewerbe miterlebt.

„Im Grundprinzip funktioniert diese Maschine eigentlich noch so, wie sie von Johannes Gutenberg vor reichlich 570 Jahren in Mainz aus einer Traubenpresse entwickelt wurde: Buchstaben, die Lettern, werden spiegelverkehrt und eingefärbt mit hohem Druck auf ein Papier gepresst.“ Wurde dieser Druck früher mit einer Spindel erzeugt, so nutzte man später den Kniehebel, der den Arbeitsgang nicht nur deutlich beschleunigte, sondern auch für entschieden höheren Anpressdruck sorgen konnte.

Geschwindigkeit – auch in der Druckerei von heute das Thema schlechthin. Bald lief das Papier in Rollen durch immer schneller laufende Zylinderpressen, mit 600, 700 und mehr Metern pro Minute.Auch wird schließlich der Offset-Druck populär, in dem man nicht mehr die einzelnen Lettern mühsam setzen muss, sondern fertige Matrizen verwendet. Diese chemisch präparierten Folien werden auf einen umlaufenden Zylinder gespannt, um dort die Farbe aufzunehmen und so auf das Papier zu übertragen.

Die komplizierten Verfahren sollen hier keine Rolle spielen. Aber Rolf Hennen erinnert gerne daran, dass früher im Farbdruck die drei notwendigen Komponenten – Magenta-Rot, Cyan-Blau und Gelb plus Schwarz für die Mischung aller Töne – in vier Arbeitsschritten peinlich exakt übereinander liegen mussten – „und das war gar nicht so einfach, von Hand“, wie er an einem Abend im späten Februar an der alten Maschine in der Attendorner Bieketurmstraße erläutert. „So dann auch in meiner Gesellen-prüfung, 1962 war das. Da habe ich die zweifarbige Ausgabe der Attendorner Karnevalszeitung gedruckt, Prinz war damals Willi I. Schürheck, längst verstorben, ganz schön lange her.“

Anschließend wurde der junge Fachmann zünftig „gegautscht“ – schön von hinten zum traditionsreichen Initiationsspruch seines Lehrherrn Theo Frey mit kaltem Wasser übergossen –, um anschließend feucht-fröhlich mit großem Hallo in die alte Zunft der Schwarzkünstler aufgenommen zu werden.

„Und dann reichte das Geld bald für den ersten VW Käfer! Den Führerschein machte ich bei Fahrlehrer Alfred Berghaus, der hatte so einen riesigen, schaukeligen Opel Rekord auf ganz dünnen Rädern.“ Rolf Hennen erinnert sich daran so genau, weil ihm in diesen Dingern regelmäßig schlecht wurde. Gerne hätte er die Fliegerei für sich ausprobiert, aber dazu hatte ihm sein Magen bei den ersten Runden im Segelflugzeug hoch über dem Franzosenkopf das Passende gesagt. Und doch hat er diesen Traum nie ganz dran gegeben, wenn es auch nur die ferngesteuerten Flugmodelle sind, für die er nun endlich etwas mehr Zeit haben wird. Für die eigene Rasanz darf es übrigens auch mal ein fixer Abfahrtslauf auf Skiern sein.
Dann ein Stutzen: In die Lehre ging man nach der Volksschule, mit 14 Jahren. Rolf Hennen ist Jahrgang 1945, müsste seit drei Jahren im Unruhestand sein. „Das ist wohl wahr, aber ich kann es halt nicht ganz lassen, obwohl ich längst im Rentenalter bin.“
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde er in Attendorn geboren, die Wiege des Säuglings stand mitten in den Wirren des verheerenden Luftangriffs auf die Hansestadt.
Dabei wäre es, genau genommen, ohne Moskau ganz anders gekommen.
Rolf Hennens Vater nämlich war ein paar Kilometer entfernt an der Ostfront ziemlich arg unter die Russen geraten und landete, schwer am Bein verwundet, im Attendorner Lazarett. Und da war sie dann, in der Küche, seine Herzdame! Das Bein blieb glücklicherweise dran und schließlich kam auch noch ein Ring hinzu. An die Front musste er auch nicht mehr zurück und in Attendorn gefiel es ihm so gut, dass später sogar noch die Geschwister aus Düsseldorf am Rhein ins schöne Sauerland gezogen sind.

„Wir wohnten hinter dem Hettmecker Teich, über den Büros der GETA-Werkzeugfabrik, Gebrüder Teipel, das war alles ganz neu damals.“ Später baute die junge Familie, Rolf Hennen mit Frau Eva-Maria und Tochter Eva, ein Haus unterhalb der Bremger Eichen, „wieder hinter einem Teich, so muss ich’s wohl haben“, wie der Ruheständler schmunzelnd verrät.

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Relikte aus dem Firmenarchiv: Die Chronik zu 150 Jahren Metallwaren M. Kutsch von 1978 und ein Kalender zur 750-Jahrfeier der Stadt Attendorn von 1972: Rolf Hennen war immer dabei.

Nun also wird er den Kittel mit den unverwechselbaren Vierfarb-Flecken an den Nagel hängen, sich aufs Fahrrad schwingen, die Skier anschnallen oder seine Flugzeuge steigen lassen.
Für den nachtschwarzen alten Heidelberg-Tiegel hingegen beginnt nun endgültig der Dornröschenschlaf; denn wird er auch nicht mehr verwendet, so soll er doch sein Plätzchen behalten in einem alteingesessenen Traditionsbetrieb, der längst auf ultramodernen Maschinen bis hin zur Druckveredelung alle Wünsche erfüllt, die eine ebenso flexible wie verlässliche Druckerei ihren Kunden heutzutage bieten kann.

Heft1Diese und weitere interessante Geschichten lesen Sie in der Frühjahrs-AUSGABE 2013 unseres Magazins
WOLL – RUND UM BIGGESEE UND LISTERSEE

 

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