Die Chorlandschaft des Kreises Olpe im Blick

Jürgen Kötting, Vorsitzender des Sängerkreises Bigge-Lenne, und Volker Arns, Gründer von BIGGEsang, über graue Haare, Spaß am Singen, Leistung und neue Wege

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Jürgen Kötting, Vorsitzender des Sängerkreises Bigge-Lenne

Mitgliederschwund, Nachwuchssorgen, Endzeitstimmung – die typischen Männerchöre haben es nicht leicht. Dabei waren sie einmal die tragende Säule der Chorszene. „Das Problem sind nicht die jungen Leute, das Problem sind wir mit den grauen Haaren“, sagt Jürgen Kötting.
Seit mehr als 20 Jahren ist der 73-jährige Rahrbacher im Vorstand des Sängerkreises Bigge-Lenne, seit 2004 als Vorsitzender. Mit 15 Jahren fing er das Singen an. In der hiesigen Chorlandschaft kennt er sich aus wie in seiner eigenen Westentasche. „Wir brauchen neue Strukturen, eine Öffnung nach außen und eine stärkere Jugendarbeit.“
Zustimmung findet er bei Volker Arns. Der 36-jährige Elbener ist stellvertretender Kreischorleiter und gründete unter anderem vor drei Jahren die Gemischten Stimmen BIGGEsang. Der ambitionierte Chor rekrutiert sich aus Sängerinnen und Sängern rund um den Biggesee. Inhaltlich hat er sich anspruchsvoller Musik aus Pop, Jazz und Klassik verschrieben – mit großem Erfolg.

Dem Sängerkreis Bigge-Lenne gehören 111 Chöre mit 4.000 aktiven und 4.500 fördernden Mitgliedern an. Sie machen ihn zu einem der leistungsstärksten der insgesamt 55 Sänger-kreise im Chorverband NRW oder, wie der frühere Verbandspräsident Rolf Hauch sagte, „zum Mistbeet des Chor-verbandes“. 50 der 111 Chöre sind (noch) Männerchöre.
„Hier erleben wir gerade in den letzten Jahren eine Fluktuation“, weiß Kötting, unmutig darüber, dass diese „ihre eigene Beerdigung in die Öffentlichkeit tragen, statt die positiven Seiten zu betonen“. Demgegenüber freut man sich über regen Zuwachs an Kinder- und Jugendchören sowie anderen Vokalensembles.

„Die Männerchöre werden weiterleben, aber in einer anderen Form“, ergänzt Arns. „Stand früher die Geselligkeit im Vordergrund, ist es heute der Leistungsgedanke und eine individuelle Weiterentwicklung.“ Mit dem hohen Anspruch an sich selbst änderten sich auch das Niveau und die Qualität. Dem Leistungsgedanken aber könnten viele schon lange bestehende Chöre nicht mehr gerecht werden.

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Volker Arns, stellvertretender Kreischorleiter und Gründer von BIGGEsang

„Junge Leute wollen, wie im Fußball auch, in einer guten Mannschaft spielen. Sie wollen Wettbewerbe, Zuwendung und Anerkennung von der Gesellschaft“, betont Kötting. Nachdem man eine ganze Generation, die heute 40- bis 50-Jährigen, verloren habe, mache man nun das Singen mit Kindern und Jugendlichen wieder zum Thema. Das Instrument zum Singen sei schließlich jedem gegeben. Überhaupt: Singen und Musizieren steht mit acht Millionen Menschen ganz oben auf der Liste der Freizeitgestaltungen. Zum Vergleich: Der Deutsche Fußballbund zählt 6,8 Millionen Mitglieder.

Die Ambivalenz der Chorlandschaft greift auch in die Chorliteratur. „Die hiesigen Chöre bedienen sich von allen Sparten ein wenig, vom Volkslied bis zum klassischen Stück. Damit sind wir zwar nicht in der Spitze top, aber in der Breite super gut“, so Arns. Allmählich fange man an, die Popmusik für sich zu entdecken, um modern zu wirken. „Es muss aber authentisch bleiben. Gut ist nur, was überzeugend wirkt“, warnt er vor zu viel des Guten. Da gelte unter Umständen „Schuster, bleib bei deinem Leisten“.

Anders sei das bei einem Leistungschor wie zum Beispiel BIGGEsang, der sich maßgeblich der Musik wegen treffe und in dem alle Mitglieder durch Singen und Musizieren in einem anderen Chor oder Verein vorbelastet seien. Während man bei Dorfchören in einem hohen Maße damit beschäftigt sei, Töne zu proben, habe bei einem Leistungschor der musikalische Anteil eine viel höhere Gewichtung. Das schaffe jede Menge Luft nach oben, um anspruchsvolle, moderne Literatur mit neuer Performance zu erarbeiten.

Ein brisantes Terrain ist das Thema Chorleiter. Es gibt zu wenige, „vor allem zu wenig wirklich gute und engagierte“, meint Kötting. „Da steht die Musik oftmals nicht im Vordergrund“, spricht er von mitunter monetär getriebenen Chorleitern, die „voll im Saft stehen“. Fortbildung sei für viele ein Fremdwort – trotz des Angebotes seitens des Chorverbandes. „So können wir dem Leistungsgedanken nicht auf voller Breite gerecht werden.“ Und Arns appelliert: „Chorleiter, kommt an einen Tisch und besprecht, was es für neue Möglichkeiten gibt; guckt über den Tellerrand.“

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Macht von sich reden: BIGGEsang. Vergangene WOche wurde der Chor im Rahmen des Kreissängertages der Sängerkreises Bigge-Lenne von Landrat Frank Beckehoff als „Chor des Jahres“ ausgezeichnet.

Eine lange To-do-Liste ist also abzuarbeiten, um das vorhandene Potenzial zu nutzen und die Chorszene zukunftsfähig zu gestalten: Von mehr Bewegung im Verband und in den Vereinsvorständen bis zur Bühnenperformance und nicht zuletzt der Präsenz nach außen. „Keiner weiß, was wir machen und was wir können“, so Kötting und Arns unisono.
„Wir sind zu starr, müssen uns besser, mehr und vor dem hiesigen Publikum präsentieren, neue Impulse setzen und die Jugend mitnehmen und begleiten.“ Besagte graue Haare sind bei dem Sängerkreisvorsitzenden Jürgen Kötting also rein äußerlich.

von Birgit Engel (Text und Foto)

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