Das Ja-Wort an der Dachrinne der Welt

Eine aufregende Trekking-Tour am Fuße des Mount Everest endete für zwei Attendorner mit einem Happy End.

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WOLL Sauerland Mount Everest
Julia Taach (li.) und Wolfgang Bock erlebten aufregende Tage. Auch ohne Pico (Mitte).

Eine 17-tägige Trekking-Tour am Fuße des Mount Everest – das alleine klingt schon spannend. Wenn man diesen Trip jedoch noch mit einem Hochzeitsantrag auf über 4.000 Meter verbindet, dann kommt man zur Geschichte von Wolfgang Bock und Julia Taach.
Im  Jahr 2012 erfüllte sich das Paar aus Attendorn einen Traum: die faszinierende Bergwelt des Himalaya-Gebirges mit den eigenen Augen und Füßen erleben. Klettersport und Bergwandern in Europa – unter anderem im Wettersteingebirge mit seiner Zugspitze, den Dolo-miten und auf dem „Pico del Teide“ auf Teneriffa – beflügelten die Phantasie über Jahre hinweg. Der Leiter Marketing bei der Firma AFK Kunststoffverarbeitung
in Finnentrop und die Vertriebsleiterin International bei der Attendorner Firma BEULCO fassten dann im Jahr 2011 den Entschluss, das Trekking-Abenteuer in der Nähe des größten Berges dieser Welt anzugehen. Zwei Sauerländer auf dem Weg nach Nepal. Ziel war das berühmte Base Camp auf der nepalesischen Seite am Fuße des Mount Everest auf 5.360 Metern Höhe.

Auf den geplanten 17-Tage-Trip bereiteten sich Julia und Wolfgang fast ein Jahr vor. Neben der Organisation der Flüge und Unterkünfte stand auch Konditionstraining auf dem Programm. Zum wichtigsten Trainingspartner der beiden avancierte dabei „Pico“, der Tibet-Terrier (natürlich …), der die beiden auf zahlreichen Trekking-Touren durch die Sauerländer Höhenwelt begleitete. Aber auch inhaltlich näherten sich die beiden Bergfreunde dem Thema Nepal an. Land, Leute, Religion und die Politik Südostasiens standen auf dem „Stundenplan“, bevor es Ende September 2012 mit dem Flieger über Frankfurt/Main und Bahrain endlich nach Kathmandu in die Hauptstadt Nepals ging. „Spätestens dort wussten wir beide, dass wir in einer völlig anderen Welt angekommen waren.“ Wolfgang Bock wird die ersten Eindrücke aus Kathmandu nicht vergessen. Faszinierende Farben und Gerüche auf der einen, die totale Armut auf der anderen Seite. Dazu unzählige hupende Autos und Motorräder („The Sound of Kathmandu“) auf Hauptstraßen, die bei uns das Wort „befahrbarer Schotterweg“ nicht verdient hätten. Beide waren überwältigt von den ersten Impressionen: „Diese Bilder kannten wir bisher nur aus dem ,auslandsjournal‘.“

Zusammen mit einer Mitreisenden aus England stand zwei Tage später das erste große Abenteuer auf dem Programm. Der Flug nach Lukla. Dieser kleine Flughafen mitten in der Bergwelt von Nepal gilt als der gefährlichste Flughafen der Welt. Und womit? Mit Recht. Denn hier kann der Kapitän nur auf Sicht fliegen. Es gibt keine Lotsen. Zollabfertigung? Fehlanzeige. Sicherheitsschleusen? Eher dilettantisch. Nur drei Tage nach der Ankunft der beiden Sauerländer auf diesem Flughafen stürzte eine Maschine zwischen Kathmandu und Lukla ab, 19 Menschen fanden dabei den Tod. Neben Lawinenunglücken und der Höhenkrankheit gehören Flugzeugabstürze zu den häufigsten Todesursachen in diesem Areal der Welt. Unter Piloten heißt es: „Das Problem der Wolken in Nepal ist, dass sie voller Steine sind.“

Wolfgang Bock und Julia Taach landeten sicher und bekamen vor Ort für den Rest der Reise drei Menschen an ihre Seite gestellt. Neben einem Guide waren dies der Porter und der Porter-Guide. Also die Menschen, die in den nächsten zwei Wochen für das Wohl und Wehe der beiden verantwortlich waren. Und für den Transport der 15-Kilo-Rucksäcke. Dies sorgte zunächst für ein schlechtes Gewissen bei den Europäern. „Du schaust in die Augen der Einheimischen und kommst dir wie ein Mensch anderer Klasse vor, da diese Menschen vor deinen Augen dein Zeug schleppen.“ Doch diese Skepsis wich schnell einer Akzeptanz, die in dem Wirtschaftssystem in dieser Region begründet liegt. „Die Menschen dort leben von den Touristen. Mit dem Lohn können sie selbst ihre Familien durchbringen. Die Wirtschaftskraft Nepals beruht somit auf dem Rücken dieser Menschen“, weiß Wolfgang Bock nun aus eigener Erfahrung zu berichten.

Der erste Tag in der bekannten Sherpa-Stadt Namche Bazar auf 3.440 Metern Höhe galt der Akklimatisation. „Get high, sleep low“ lautet hier die Devise. Auf Deutsch: zunächst einmal gemäßigt auf Höhe und dann wieder herunter wandern. Denn mit zunehmender Höhe sinkt der Sauerstoffgehalt. Dadurch verringert sich die Sauerstoffaufnahme in der Lunge. Symptome wie Kopfschmerzen, Appetitverlust, Übelkeit, Müdigkeit oder Atemnot bis hin zu einem lebensbedrohlichen Lungen- oder Hirnödem können die Folge sein, wenn sich der Mensch über eine längere Dauer auf über 3.000 Metern Höhe befindet, ohne die Zeit zur Anpassung zu haben: die berühmt-berüchtigte Höhenkrankheit.

Das alles wusste Wolfgang Bock. Denn bereits vor dem Trip nach Nepal nahm er an einer Studie zur Erforschung der Höhenkrankheit teil. Doch Ironie des Schicksals: Ausgerechnet diese Krankheit erwischte ihn bereits nach wenigen Tagen. Der Attendorner erinnert sich: „Es passierte in Gokyo. Bis auf 4.800 Meter waren wir aufgestiegen. Am Abend begannen die Probleme. Ausdauer und Kondition waren kein Thema, aber die Kopfschmerzen waren kaum zum Aushalten.“ In diesem Fall gibt es nur eine Möglichkeit: so schnell wie möglich die Sachen packen und sofort runter. Und sofort heißt sofort. Und so musste die Gruppe ab Mitternacht nicht weniger als 1.200 Meter Höhenmeter bergab bewältigen.

In den nächsten Tagen stand damit zunächst einmal Regeneration auf dem Programm. Für den Körper und für den Kopf. Denn eines war Julia und Wolfgang spätestens nach einem zweiten abgebrochenen Versuch, auf Höhe zu kommen, klar: Das Basis-Camp am Mount Everest war unter diesen Umständen nicht mehr zu erreichen. „Ein Jahr Vorbereitung schien plötzlich umsonst gewesen zu sein. Da kam zunächst Frust auf. Doch dies mussten wir einfach akzeptieren.“ Stattdessen setzten sich die beiden Attendorner mit einigen Bergwandertouren rund um Namche Bazar neue reizvolle Ziele. Rückblickend nimmt es Wolfgang Bock sogar mit Humor. „Der Mount Everest ist das Dach der Welt. Immerhin standen wir an der Dachrinne.“
Und dass diese aufregende Geschichte sogar noch ein Happy End fand, lag an einem Ring. DEM Ring. Denn Wolfgang machte seiner Julia während der Tour einen bemerkenswert schönen Heiratsantrag, der – wie so vieles auf dieser Reise – völlig anders geplant war. „Den Antrag wollte ich Julia auf dem Kala Patthar machen. Dieser direkte Bergnachbar des Mount Everest hat auf über 5.500 Metern nicht nur die höchste Webcam der Welt, sondern auch einen faszinierenden Blick auf den Mount Everest“, so der Plan.
Aus den beschriebenen Gründen musste Wolfgang Bock nun umplanen. Doch darin war er mittlerweile geübt. Denn den ursprünglich vorgesehenen und noch im Sauerland angefertigten Ring hatte er „dank“ eines unverschuldeten Verkehrsunfalls und dem damit verbundenen „Hurra“ am Tage der Abreise in Attendorn vergessen. Bei einem Straßenhändler in Kathmandu besorgte er sich am ersten Tag einen von 120 Dollar auf 20 Dollar heruntergehandelten „Ersatzring“. „So ein richtig kitschiges Teil, das man bei uns in jedem Ramschladen garantiert billiger bekommt. Aber ich hatte ja keine andere Wahl“, so
sein Kommentar.

Das neue Ziel für den Heiratsantrag war schnell definiert: „Hauptsache über 4.000 Meter und mit Blick auf den Mount Everest.“ Und dies gelang ihm am Khunde Peak, 4.200 Meter hoch gelegen. Julia erinnert sich gerne zurück: „Wir sind früh losgegangen. Kurz nach Sonnenaufgang und mit Blick auf den Everest machten wir Rast auf einem Stein. Der Nebel verzog sich und plötzlich kniete Wolfgang vor mir und machte mir den Heiratsantrag. Ich war perplex. Und zwar derart, dass Wolfgang nach einer Weile im besten sauerländisch meinte: ,Hömma, was Du jetzt sachst, is egal. Aber Du muss schon irgendwas sagen. Mir wird kalt.‘ “
Julia sagte schließlich Ja. Irgendwann im Jahr 2013 wird geheiratet. Mit dem echten Ring, vielen Erinnerungen an einen ganz besonderen Trip und einen unvergesslichen Heiratsantrag auf über 4.000 Metern Höhe.

Heft1Diese und weitere interessante Geschichten lesen Sie in der Frühjahrs-AUSGABE 2013 unseres Magazins
WOLL – RUND UM BIGGESEE UND LISTERSEE

 

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